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46. Rundbrief mit Berichten
über Juli bis Dezember 2004

—> Den Rundbrief gibt es auch als .PDF-Datei zum Ausdrucken <—

Alphabetisierungskurse für Erwachsene in der Volksküche (Foto: Giulia Paglialonga)

Inhalt:


Sulzbach/Saar, im Januar 2005

Sehr geehrte, liebe Freundinnen und Freunde von El Buen Samaritano,

vor allem wünsche ich Euch allen ein gutes neues Jahr!

In der Ausgabe vom 29.11.2004 berichtet der SPIEGEL von verschiedenen dubiosen Spenden sammelnden Organisationen und deren zweifelhaften Methoden bei der Spendenwerbung. Der gesamte Spendenwerbungsaufwand von El Buen Samaritano e.V. besteht bekanntlich in unserem Rundbrief und unserer Homepage, wobei wir uns bemühen, ausführlich, objektiv und ehrlich über unsere Anstrengungen zur Verwirklichung des Vereinszwecks in Perú und die Erfolge und bisweilen leider auch Misserfolge, die wir dabei erzielen, zu informieren, und nicht auf die viel zitierte Tränendrüse zu drücken. Dass unsere Aktion trotzdem seit nunmehr 15 Jahren (!) dank Eurer Unterstützung erfolgreich ist, ist ein Zeichen dafür, dass es falsch wäre, das Urteilsvermögen der Menschen, die man erreichen möchte, zu unterschätzen und zu glauben, man könne nur durch emotionale Appelle etwas erreichen.

Ich danke Euch von Herzen für diese Haltung!

Als ein Kriterium für die Qualität Spenden sammelnder Organisationen führt der Spiegelartikel das DZI-Spendensiegel an, das vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen an besonders vertrauenswürdige gemeinnützige Organisationen vergeben wird. El Buen Samaritano e.V. schmückt seine Publikationen und seine Webseiten nicht mit diesem Siegel. Warum nicht? – Weil für die Beantragung eine Gebühr von 1.500 Euro anfallen würde! Wie Ihr dem —> Jahreskassenbericht entnehmen könnt, haben wir im Jahr 2004 wir für unsere gesamte Öffentlichkeits- und Verwaltungsarbeit in Deutschland insgesamt 550,10 Euro (2003: 559,99) ausgegeben. (Die Kosten sind so gering, weil wir den Rundbrief und die Homepage selbst in Handarbeit fertigen, und sie werden übrigens nicht aus den Spenden sondern den Vereinsmitgliedsbeiträgen gedeckt.) Die geforderte Gebühr für das Spendensiegel sprengt eindeutig den Rahmen dessen, was wir mit den Spenden machen wollen. Anders ausgedrückt: Das Geld ist uns dazu zu schade, wir schicken es lieber nach Perú. So bleibt es weiterhin allein Eurer kritischen Aufmerksamkeit überlassen, zu beurteilen, ob El Buen Samaritano vertrauenswürdig und seine Arbeit unterstützenswert ist.

Anlässlich des 15. Geburtstags von El Buen Samaritano und weil mir eine anstehende berufliche Umorientierung die zeitliche Möglichkeit eröffnet, werde ich im Februar dieses Jahres gemeinsam mit meiner Frau Darinka für knapp drei Monate nach Perú reisen, um mir endlich mal wieder ein eigenes Bild von der Arbeit unserer Projekte zu machen. Im nächsten Rundbrief möchte ich Euch meinen Bericht darüber vorlegen.

Bitte lest in diesem Rundbrief interessante Neuigkeiten aus unserer Schule, von einer „Operation Ziegelstein“, persönliche Kurzportraits unserer Dreijährigen, von der Vertreibung der Straßenkinder aus ihrem Refugium unter der Santa-Rosa-Brücke, über die Aktivitäten mit den in Jugendgangs organisierten Jugendlichen in Mariátegui und die beiden Berichte unserer freiwilligen Helferinnen Giulia Paglialonga (von der die meisten Fotos in diesem Rundbrief stammen – z.B. auf dem Titelbild: Alphabetisierungskurse für Erwachsene in der Volksküche) und Jessica Kordulla.

Wie immer freue ich mich über Rückmeldung von Euch. Während meines Perú-Aufenthaltes gedenke ich per E-Mail (HvRauch@EBSeV.de) weiterhin erreichbar zu sein, per Post und Telefon wendet Euch bitte an Hanneli Braungardt, deren Anschrift Ihr —> hier findet.

Herzliche Grüße

Euer
Holger v. Rauch
Holger v. Rauch


Bericht über die Arbeit in Perú
Juli bis Dezember 2004

(Übersetzt, leicht gekürzt und an einigen Stellen durch telefonisch
übermittelte Informationen ergänzt durch Holger von Rauch)

Liebe Freunde von El Buen Samaritano e.V. in Deutschland!

Aus Perú sende ich Euch die wärmsten Grüße, von meiner ganzen Familie und vom gesamten Team, das bei El Buen Samaritano in Perú tätig ist. Wir sind uns so fern und so nah zugleich – am liebsten würden wir uns jedes Jahr wie eine große Familie mit Euch versammeln, um unsere gemeinsame soziale Arbeit zu feiern, und ich weiß, dass Ihr genauso empfindet. Jahr für Jahr erfüllt es uns aufs Neue mit Freude, wenn wir die vielen Kinder sehen, die am Ende eines harten und opferreichen Schuljahres unsere Schule verlassen, und diese Freude teilen wir mit Euch, die Ihr uns Jahr für Jahr beisteht, um diese Erfolge möglich zu machen.

Telmo Casternoque

Die Schule El Niño Jesús

(Telmo Casternoque, Gloria Aliaga und Javier Méndez)

Die Verwaltungsarbeit war in diesem Jahr besser organisiert und effizienter, sowohl was die Begleitung der pädagogischen Arbeit betrifft, als auch den administrativen Bereich. Die Schulleitung wird nun bei Ihrer Arbeit durch die stellvertretende Direktorin, die Lehrerin Gloria Aliaga, und eine Koordinatorin, die Lehrerein María Elena Monteza, unterstützt. Regelmäßig freitags von 13 bis 14 Uhr hielten wir Lehrerversammlungen ab, bei denen wir die Lehrerinnen über alle aktuellen Vorgänge informierten. Der Direktor informierte uns beispielsweise über seinen Kontakt mit der Schulaufsichtsbehörde, der in diesem Jahr unproblematisch war.

Wir haben daran gearbeitet, die Qualität der pädagogischen Arbeit besser zu steuern. Hierzu wurde die Arbeit der Lehrkräfte durch den Direktor in regelmäßigen Abständen evaluiert, wobei sich ergab, dass alle den Lehrplan im vorgegebenen Zeitplan erfüllten. Die Evaluation fand monatlich nach einem von der Koordinatorin María Elena Monteza entwickelten Schema statt und wurde in besonderen Registern protokolliert und auch in den Zeugnissen der Schüler vermerkt, die trimesterweise vergeben wurden und den Eltern Aufschluss über die Fortschritte ihrer Kinder verschafften. Die Abschlussevaluation fand am 16. Dezember statt und erbrachte sehr erfreuliche Resultate in allen Klassen. Die Zeugnisse wurden während der Schuljahresabschlussfeier überreicht.

Die sozialen und kulturellen Aktivitäten der Schule werden immer mehr, und das Verhältnis zur Bewohnerschaft von Mariátegui ist gut. So wurden auf Initiative der Eltern und mit Geld, das sie durch eine Essensverkaufsaktion an einem Wochenende eingenommen hatten, Musikinstrumente für eine eigene Musikgruppe der Schule gekauft. Dazu schafften wir eine peruanische Nationalflagge und eine Standarte mit den Insignien unserer Schule an. Mit dieser Ausrüstung konnten wir nun erstmals am großen offiziellen Umzug zum Nationalfeiertag teilnehmen, was für unsere Schule ein besonderer Erfolg war, zumal unser Auftritt von der Jury mit dem zweiten Preis belohnt wurde.

Der Leiter der Medizinstation, Dr. José Abad erklärte eines Tages, die Medizinstation sei für die Erfordernisse in Mariátegui zu klein geworden; nachdem die Bevölkerung gewachsen sei, müsse auch die Medizinstation vergrößert werden. Doch für diese Maßnahme stand kein Geld zur Verfügung, und es schien schwierig, die Bevölkerung dazu zu motivieren, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb initiierten wir in der Schule die „Operation Ziegelstein“. An vielen Stellen in Mariátegui liegen einzelne Ziegelsteine herum, die niemand mehr benötigt, und bei vielen Familien zuhause ist der eine oder andere Ziegelstein übrig geblieben. Wir sagten nun zu den Schulkindern, sie sollten an einem Tag jedes einen Ziegelstein mitbringen. Das klappte tatsächlich, und wir konnten mit allen unseren Schülern und unserem ganzen Schulpersonal durch Mariátegui zur Medizinstation marschieren. Dort lieferten die Kinder eines nach dem anderen ihre Ziegelsteine ab. Das machte großen Eindruck auf viele Nachbarn, die sich nun auch in der Pflicht sahen, und schon bald war genügend Baumaterial beisammen, um die Medizinstation um drei Behandlungsräume zu erweitern.

Ansonsten wurden ein Radio und ein Fernseher mit großem Bildschirm angeschafft, damit für Unterrichtszwecke Videofilme gezeigt werden können. Es wurde ein Schulgarten angelegt mit Pflanzen, die die Bezirksverwaltung von San Juan de Lurigancho gespendet hatte. Unter Mitwirkung der Nationalpolizei richteten wir eine Schulpolizei und eine Hygienebrigade ein. Wir organisierten Vorträge für Eltern, vor allem über Psychologie, um sie bei der Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen. Und wir machten Schulausflüge mit allen Schülern zum Tierpark Wiracocha. Das Schuljahr 2004 wurde mit einem speziellen Festakt beendet, bei dem die Lehrer, die Eltern und die 164 Schüler gemeinsam einige schöne Momente verlebten.

Der gesamte Lehrkörper der Schule El Niño Jesús

Im kommenden Jahr 2005 werden wir eine Klasse mehr haben, die fünfte Grundschulklasse. Hierzu werden wir einen weiteren ausgebildeten Grundschullehrer unter Vertrag nehmen, sowie eine Hilfskraft für den Grundschulbereich. Wir danken allen unseren Freundinnen und Freunden, die es durch ihre Spenden möglich gemacht haben, den dritten Stock der Schule fertig zu stellen. Dort soll das Besprechungszimmer für Elternversammlungen sein sowie ein Raum für die Computerkurse, die wir für unsere Kinder in Zukunft anbieten wollen.

Berichte von Lehrerinnen und Lehrern aus dem Schulalltag

Elizabeth Castro: Ich bin für 16 Dreijährige verantwortlich. Dieses Jahr brachte für mich viele neue Erfahrungen, denn in den bisherigen zwölf Jahren meiner Berufstätigkeit hatte ich noch nie Dreijährige unterrichtet.

Anfangs war ich ehrlich gesagt etwas traurig, und ich fragte mich, was mache ich jetzt wohl mit meinen Kindern, werde ich spielen oder schlafen, denn es waren ja so wenige, und ich bin es gewohnt, 40 Kinder zu unterrichten.

Aber mit der Zeit gewöhnten sich die Kinder ein und schöpften etwas Vertrauen, bis sie anfingen zu spielen, auf die Tische zu steigen, zu streiten, sich gegenseitig Sachen wegzunehmen, denn in diesem Alter sind Kinder egozentrisch, sie möchten alles für sich haben. Ich erkannte, dass es ein Irrtum war, nicht mit den Kleinen arbeiten zu wollen. Heute kann ich Euch sagen, dass die Arbeit mit den Dreijährigen viel Aufmerksamkeit erfordert und eine hohe Verantwortung bedeutet.

Nun möchte ich Euch meine Schüler vorstellen:

  • Meyli ist ein sehr liebevolles Kind. Einmal, als ich in trauriger Stimmung war, kam sie zu meinem Tisch und sagte: „Frau Lehrerin, ich habe dich sehr lieb. Du bist wie eine Blume.“ Da fühlte ich mich gut.
  • Piero ist ein sehr gewalttätiges Kind, denn zuhause ist er allein. Aber wenn ich ihm Zuwendung schenke, dann ist er gehorsam und aufmerksam und möchte Antworten geben.
  • David ist ein Junge, der gern mit Anderen teilt und ihnen etwas abgibt. Doch zuhause erlebt er viel Gewalt. Er spricht nicht mit dem Mund sondern mit den Händen, immer glaubt er, es drohten ihm Schläge. Am liebsten würde er in der Schule bleiben und gar nicht nach Hause gehen.
  • Jhoselyn ist ein Mädchen, das gern spielt und singt und, wenn sie groß ist, Sängerin werden will.
  • Bright bemüht sich immer, die Aufgaben, die ich ihr übertrage, gut zu machen, und sie hilft auch gern den Anderen.
  • Marcos bringt mir seit seinem ersten Schultag jeden Tag ein Stück Brot mit etwas mit. Eines Tages sagte ich zu ihm: „Marcos, iss doch selbst dein Brot.“ Da sagte er, „Nein, Señorita, das ist für dich, denn du bist sehr dünn und musst essen.“ Wenn die anderen Kinder spielen und nicht hören wollen, dann ruft er: „Seid ruhig, die Señorita ist ärgerlich!“ Und zu mir sagt er: „Komm, Señorita, wir gehen zu mir nach Hause, damit du etwas Ruhe hast, denn die Kinder machen so viel Krach.“
  • Cristina ist ein sehr wohlerzogenes und verantwortliches Kind. Sie beschwert sich immer über alle, die Grobheiten sagen oder streiten.
  • Aldona ist ein Junge, der nicht viel spricht, aber wenn er nicht weiter weiß, bittet er mich um Hilfe und sagt: „Señorita, ich bin müde, mach du meine Aufgabe.“
  • Heidi ist ein sehr sensibles Mädchen, sie kann es nicht sehen, wenn Andere weinen, denn dann muss sie auch weinen. Eines Tages fragte sie mich: „Señorita, warum kommt so viel Wasser aus meinen Augen?“
  • Elias hat sehr viel Phantasie. Eines Tages machte er mich glauben, er habe einen Affen zuhause, denn er erzählte jeden Tag von ihm. Als ich dann einmal ein Gespräch mit seiner Mutter führte, da fragte ich, wie es dem Affen wohl gehe, doch die Mutter sagte mir, sie habe gar keinen Affen. Da gab ich ihr wieder, was Elias erzählte, und es stellte sich heraus, dass er einen Plüschaffen hatte.
  • Aaron ist ein Junge, dem es an Selbstwertgefühl fehlt. Zuhause hat er das Gefühl, dass es niemanden interessiert, was er tut, und so ist es auch ihm selbst egal, ob er seine Aufgaben schafft oder nicht.
  • Gimena war das ganze Jahr über krank, aber sie ist ein ganz besonderes Kind, denn sie ist es, die unter den Kindern das Wort führt, sie bestimmt, was gemacht wird.
  • Andrés sprach am Anfang überhaupt nicht, weil er einen Sprachfehler hat. Aber er sang, und manchmal schrie er, und zu mir sagte er immer Mami.

Magalí Suárez: Ich bin die Lehrerin der Fünfjährigen und bin für 26 Kinder zuständig.

Das Verhalten meiner Kinder war durch viel Gewalt gekennzeichnet. Ich sage das, weil sie Probleme am besten durch Schläge zu lösen verstehen. Das erschwert die Arbeit der Lehrkraft wirklich sehr. Es ist so, dass die Kinder in vielen Fällen die Probleme und die Konflikte, die sie zuhause miterleben, mit sich in die Klasse tragen, und das führt dann zu dem inadäquaten Verhalten.

Die Lehrkraft fragt sich nun, was tun? Das einzige ist, Gott um Führung zu bitten – und mit den Eltern zu arbeiten.

Vor der Einnahme des Pausenbrotes beten wir immer. Einmal hatte ich mich zwar daran erinnert, mit ihnen zu beten und Amen zu sagen, doch danach vergaß ich, ihnen zu sagen, dass sie jetzt ihr Pausenbrot auspacken dürfen. Die Klasse wurde unruhig, und ich fragte mich, was wohl los war. Eines der Kinder, Luis, sagte mir mit einem sehr bösen Gesicht: „Sie haben uns nicht gesagt, dass wir unsere Pausenbrote auspacken dürfen.“ Und in diesem Moment sagte ich sofort, was sie hören wollten: „Holt Eure Pausenbrote raus!“

Lucila Robles, Grundschullehrerin, verantwortlich für 30 Erstklässler:

Ich berichte den Fall des Jungen Michael. Als er im April in die Klasse kam, war er sehr schüchtern, nervös, hatte Angst, schrieb schlechte Diktate. Im Juni kam seine Mutter zu mir, um mir zu sagen, dass es wohl besser wäre, ihn wieder in die Vorschule zu den Fünfjährigen zurückzustufen, da es ihr Leid tat, dass ihr Kind weinte und in der Schule keinen Erfolg hatte. Ich riet der Mutter, das nicht zu tun, denn sie würde dem Jungen, der ja schon wusste, dass er in der ersten Klasse war, viel Schmerz zufügen. Ich bat sie darum, Geduld zu haben, weil die Entwicklung eben Zeit braucht, und meine Arbeit zuhause zu unterstützen und dem Jungen bei den Hausaufgaben zu helfen. Ich danke Gott und zugleich dieser Mutter, denn nun kann Michael lesen, er weint nicht mehr, spielt mit seinen Freunden, und die Klasse wählte ihn im September sogar zum besten Freund in der Klasse. Seine Mutter ist auch dankbar.

Ein weiterer Fall ist das Mädchen Mayra. Sie lebt allein mit ihrem Vater; ihre Mutter arbeitet weit weg und macht sich über sie keine Gedanken. Das Mädchen isst in der Volksküche oder nimmt von dort Essen mit nachhause. Einmal kam sie ganz verwirrt in die Klasse, und ich fragte sie, warum sie denn geweint habe, und sie sagte mir dann, der Vater habe sie geschlagen. Ich befragte die Mütter, die in der Nachbarschaft wohnen, und sie erzählten mir, der Vater trinke viel Alkohol, und wenn seine Tochter keine guten Noten nachhause bringe, so schlage er sie. Also sprach ich mit dem Mann, doch er stritt alles ab. Das Mädchen bemüht sich bei ihren Aufgaben, braucht viel Zuneigung, gerade weil es ohne Mutter unter so ärmlichen Bedingungen aufwächst. Der Vater sollte von einem Psychologen unterwiesen werden, damit er das Mädchen nicht mehr schlägt und aufhört zu trinken.

Außer diesen beiden Fällen gab es in der ersten Klasse im Verlauf des Jahres fehlernährte Kinder, Eltern, die ihre Kinder misshandeln, alkoholabhängige Eltern, von ihren Eltern verlassene Kinder und Kinder mit zu geringem Selbstwertgefühl.

Pablo Arce, vierte Klasse, 16 Schüler:

Der Schüler Luis ist dafür beliebt, dass er impulsiv ist. Eines Tages packte er auf dem Weg aus der Pause ins Klassenzimmer seinen Mitschüler Oscar und schlug auf ihn ein. Ich trennte die beiden sogleich, doch Luis beruhigte sich nicht, und so musste ich meine Autorität ausüben, indem ich ihn am Arm packte und zu seinem Platz führte. Luis riss sich los, indem er sich auf den Boden fallen ließ und rief, er werde seiner Mutter sagen, ich hätte ihn zu Boden gestoßen. Ich half ihm auf und sagte ihm, dass ich eine Verleumdung nicht dulde, seine Klassenkameraden seien schließlich Zeugen des Vorgefallenen, und die Schüler riefen ihn Lügner. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als sich hängenden Kopfes auf seinen Platz zu setzen.

Die Arbeit mit den Straßenkindern

(Telmo Casternoque)

Die Straßenkinder, die bis vor kurzem im Stadtzentrum unter der Santa Rosa-Brücke gelebt haben, wurden nun von dort brutal vertrieben. Nachdem sie noch vor einiger Zeit gewisse Hilfen von der Stadtverwaltung empfangen hatten, wurden sie nun von eben dieser durch die Polizei vertrieben. Jetzt schlafen diese etwa 150 Kinder, Jugendliche und Erwachsene überall, an Straßenecken, in Parks, unter freiem Himmel. Viele von ihnen haben wegen der mangelhaften Ernährung und der Kälte ernsthafte gesundheitliche Probleme. Zwei Organisationen, die mit Straßenkindern arbeiteten, wurden kürzlich geschlossen. Die eine der beiden wurde von den Nachbarn beschuldigt, sie erlaube in ihrer Einrichtung Vergewaltigungen von Minderjährigen.

Unsere Arbeit mit den Straßenkindern besteht zurzeit darin, sie in den Straßen zusammenzusuchen und sie dann in irgendeinem Park zu versammeln, um dort mit ihnen die Arbeit zu tun, die wir immer tun. Unsere letzte große Versammlung mit ihnen fand am 8. Dezember statt, als wir mit ihnen einen Ausflug machten, um Weihnachten vorzufeiern. Der Ausflug war sehr gut. Wir sahen die pirañitas, wie sie lachten, herumrannten, Fußball spielten, badeten, wie andere Kinder auch. Ich bin sicher, dass die Kinder sechs Stunden lang nicht an ihre Drogen und ihre Probleme auf der Straße gedacht haben.

Im Namen all dieser Leute, die auf der Straße leben, möchte ich denjenigen Menschen, Familien und Institutionen, die alljährlich Geld für diese Arbeit spenden, Dank sagen. Wir bekommen dadurch die Möglichkeiten, den Kindern ohne Zuhause und ohne Eltern eine Freude zu machen. Vielen Dank, liebe Freunde.

Die Kirchengemeinde

(Telmo Casternoque)

Die christliche Gemeinde in Mariátegui hat derzeit viel Arbeit und Verantwortung mit den Jugendlichen, die sich in Jugendgangs zusammengeschlossen haben. Es handelt sich um etwa 30 junge Männer zwischen 14 und 20 Jahren, mit denen wir seit Oktober gemeinsame Aktionen durchführen, wie z.B. Essensverkäufe an Wochenenden. Damit verfolgen wir zwei Ziele: Die jungen Leute sollen beschäftigt sein, und es sollen Mittel erwirtschaftet werden, mit denen andere Aktivitäten ermöglicht werden können, zum Beispiel der Kauf von Sportgeräten. Bislang konnten wir mit dem eingenommenen Geld einen Weihnachtsausflug aus Lima heraus machen, bei dem die Jugendlichen viel Freude hatten. Die Behörden, die Polizei und die Bewohnervertreter tun nichts, um diesen Jugendlichen zu helfen, dabei brauchen sie Hilfe.

Bericht über eine Reise in den Urwald

(Telmo Casternoque)

Am 2. Januar reisten unsere beiden freiwilligen Helferinnen Jessica Kordulla und Judith Binder und ich aus Lima ab. Zunächst blieben wir in Pucallpa, wo wir die Möglichkeit hatten, eine indigene Shipibo-Gemeinde zu besuchen. Am 5. Januar gingen wir an Bord eines Flussschiffes, mit dem wir nach drei Tagen und Nächten in Requena, dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, eintrafen. Nachdem wir uns dort eine Nacht lang ausgeruht hatten, brachen wir an die Cocha del Caro Curahuayte auf, wo El Buen Samaritano zwei Programme betreibt: Das Gesundheitsprogramm und die Schule.

Jessica und Judith konnten dort einige sehr schöne Erfahrungen machen, sie angelten Fische und sie halfen dabei, den Boden für die Maissaat vorzubereiten. Während Jessica Gräser schnitt, saß auf ihrem Rücken eine große Tarantel, und hielt sich an ihrer Jacke fest. Wir hatten auch Gelegenheit, zwei weitere Dörfer in der Umgebung der Lagune zu besuchen, wo wir uns die Sorgen der Bewohner anhörten und ihre Klagen, die vor allem das Bildungswesen betrafen und verantwortungslose Lehrer, die während des ganzen Jahres nur an 30 Tagen Schule halten.

Unser Gesundheitsprogramm lief zuletzt nicht so, wie wir es uns erwartet hatten, weil der von uns mit der Durchführung des Programms und mit der Administration der wenigen von uns bereitgestellten Medikamente beauftragte Krankenpfleger nicht an seinem Platz war. Seine Ehefrau war nämlich sehr schwer an Gebärmutterkrebs erkrankt und er hielt sich deshalb in der Stadt auf. Die Siedler beklagten, dass das Gesundheitsprogramm nun schon seit zwei Monaten nicht funktionierte. Wir machten uns auf die Suche nach einem anderen Krankenpfleger, um die Stelle wieder zu besetzen, und Gott sei Dank trafen wir dabei auf unseren frühen Krankenpfleger Arlán Padilla, der freudig einwilligte, am 24. Januar seine Arbeit bei uns wieder aufzunehmen.

Seit wir 1998 die Vereinbarung mit dem Bildungsministerium trafen, wonach die Siedler ein Gebäude für die Schule bauen und das Ministerium einen Lehrer bezahlen würde, war die Schule ununterbrochen in Betrieb, wenn auch zugegebenermaßen mit vielen Mängeln behaftet. Die 35 Kinder bekommen nun ihren Unterricht in einem Gebäude, das eigentlich für Dorfversammlungen vorgesehen war, weil ein Sturm das Dach der Schule abgedeckt hatte. Seit drei Jahren bemühen sich die Siedler bei den Behörden darum, dass der Staat einen Neubau veranlassen möge. Es scheint, dass die Bemühungen in jüngster Zeit Erfolg versprechender werden.

Wie in Lima, so konnte auch an der Cocha del Caro Curahuayte eine christliche Gemeinde aufgebaut werden, die den Menschen, die sich dafür interessieren, die Möglichkeit gibt, die Heilige Schrift kennen zu lernen. Die Gläubigen aus zwei Dörfern versammeln sich hier vor allem an den Wochenenden zu Gottesdiensten. Die Gemeindeleitung hat ein Ehepaar, Rosa und Carlos, übernommen. Sie haben keinerlei Ausbildung, können nur gemeinsam mit den anderen Anwesenden ein bisschen in der Bibel lesen, beten gemeinsam und arbeiten vereint zum Nutzen der Bevölkerung. Sie baten uns um christliche Literatur und vor allem Bibeln.


Bericht von Giulia Paglialonga über Ihren Einsatz als Krankenschwester in Mariátegui

Liebe Mitglieder und Freunde von El Buen Samaritano,

als derzeit hauptberufliche Studentin der Fächer (Spanisch/ Ethnologie/Italienisch) und nebenberufliche Krankenschwester suchte ich nach einer Möglichkeit, in Perú bei einer sozialen Organisation, die in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist, als Volontärin mitarbeiten zu können. Freunde machten mich dabei auf El Buen Samaritano aufmerksam, so dass ich sogleich Kontakt aufnahm und mich bewarb. Da ich als Krankenschwester über mehrjährige Berufserfahrung verfüge und mein Spanisch so gut war, dass ich mich im Alltagsleben problemlos zurechtfand, wurde mir angeboten, mich im medizinischen Bereich einzubringen.

Nach Rücksprache mit Telmo und dem leitenden Arzt der posta médica (medizinische Einrichtung, wie sie im Volksmund genannt wird) von Mariátegui kam ich dort von Mitte Juli bis Mitte September 2004 als freiwillig und unentgeltlich arbeitende Krankenschwester zum Einsatz. Die medizinische Einrichtung wurde zu den Anfangszeiten von El Buen Samaritano erbaut und auch betrieben, bis sie dann später an den Staat übergeben wurde. Trotz dieser administrativen Loslösung herrscht bis heute noch eine enge Verbindung zwischen El Buen Samaritano und dem momentan dort arbeitenden Arzt, nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Klientel – die SchülerInnen der Grundschule El Niño Jesús und deren Angehörige sind oftmals auch die PatientInnen der medizinischen Einrichtung. Die posta médica ist ein Ableger des peruanischen Gesundheitsministeriums und seine Aufgabe ist es, die medizinische Grundversorgung zu leisten. Das dortige Team besteht aus einem leitenden Arzt, einer Geburtshelferin, einer Krankenschwester, einem Zahnarzt, einem Laboranten und vier técnicas de salud (eine Art Pflege- oder Arzthelferinnen). Das Gebäude ist ein recht bescheidener fensterloser Komplex aus Mauerwerk und steht im Zentrum von Mariátegui. Es gibt je ein Behandlungsraum für den Arzt, den Zahnarzt und die Geburtshelferin und einen weiteren Behandlungsraum, den sich die Krankenschwester und eine técnica de salud teilen, des weiteren gibt es einen kleinen Vorraum mit Rezeption, sowie einer kleinen Apotheke, ein kleines Labor und einen Raum zur Reinigung der Gerätschaften. Die Raumverhältnisse sind sehr beengt und meistens warteten lange Schlangen von Patienten draußen vor dem Gebäude, da im „Wartevorraum“ zuwenig Platz war.

Die posta médica (Foto: Giulia Paglialonga)

Während meines zweimonatigen Einsatzes dort wurde ich mit vielen neuen Aufgaben konfrontiert, mit denen ich bisher in Deutschland wenig zu tun hatte. Am stärksten bekam ich die dortige demographische Situation direkt zu spüren. Während ich in Deutschland hauptsächlich mit alten Menschen arbeite, hatte ich dort eine überwiegend junge Klientel. Meine Hauptaufgaben bestanden darin, Säuglinge, Kleinkinder und schwangere Frauen medizinisch zu kontrollieren und zu betreuen. Dies war für mich eine ziemliche Umstellung und ich musste viele Tätigkeiten neu erlernen. Natürlich hatte ich auch Jugendliche, Erwachsene mittleren und älteren Alters zu versorgen, doch die Mehrzahl stellte die oben genannte Gruppe. Immer wieder wurde ich von jüngeren Müttern gefragt, wie alt ich denn sei und ob ich Kinder habe und als sie erfuhren, dass ich mit 30 Jahren immer noch kinderlos bin, schauten sie mich oft mit fragendem Blick an. Da nicht wenige junge Frauen bereits im Alter von 15 oder 16 Jahren ihre ersten Kinder bekommen, kam es einigen wahrscheinlich seltsam vor, dass man in meinem Alter noch keine hat.

Was ich in Deutschland während meiner Ausbildung so an hygienischen Maßnahmen erlernt habe, musste ich wohl oder übel größtenteils über Bord werfen. Für die Einhaltung vieler dieser Maßnahmen fehlten dort einfach die Mittel, u. a. konnte aufgrund mangelnder Finanzen kein Reinigungspersonal eingestellt werden, so dass das Sauberhalten der Räumlichkeiten vom zuständigen Fachpersonal notdürftig durchgeführt werden musste.

Zudem wurden alle Patienten- und sonstigen administrativen Daten handschriftlich erfasst und in Ordnern gesammelt – das Computerzeitalter scheint an diesem Arbeitsplatz noch in weiter Ferne zu liegen!

Trotz der ganzen Einschränkungen, die ich nach meinem westlichen Empfinden als solche aufgefasst habe, ist diese medizinische Einrichtung für viele Einwohner von Mariátegui die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen, zur Kontrolle von Neugeborenen und Kleinkindern, zur Schwangerschaftsvorsorge und um Verhütungsmaßnahmen zu empfangen. Daher war sie auch meist sehr gut besucht. Dies lag auch daran, dass die medizinische Versorgung zu einem vergleichsweise günstigen Preis angeboten wurde, da es sich um eine staatliche Einrichtung handelt. Bei privaten Einrichtungen wird meist viel mehr für Untersuchung und Medikamente verlangt und daher sind Untersuchung und Behandlung dort für viele unerschwinglich.

mit Kollegen beim Umtrunk (Foto: Giulia Paglialonga)

Ein Projekt, das ich u. a. gemeinsam mit der Krankenschwester durchführte, war die Gewichts- und Körpergrößenkontrolle der SchülerInnen der Grundschule El Niño Jesús. Dazu wurden alle Kinder klassenweise in die posta médica geführt und gemessen. Das war teilweise ein heilloses Durcheinander, doch schlussendlich schafften wir es doch, von allen Anwesenden die Daten zu erfassen. Leider stellte sich bei der Evaluation der Ergebnisse heraus, dass fast die Hälfte der Kinder unter erheblichen Ernährungsproblemen leidet (meist Risiko zur Unterernährung). Daraufhin starteten wir eine kleine Aufklärungskampagne und führten in den Räumen der Grundschule eine Informationsveranstaltung für die Eltern zum Thema „Gesunde Ernährung“ durch und erarbeiteten ein Informationsblatt mit Vorschlägen für ein vollwertiges Frühstück und Pausenbrot, das wir dann unter den Eltern verteilten.

Die Konfrontation mit der extremen Armut, in der die meisten Einwohner von Mariátegui leben, hat mich sehr berührt und mich gleichzeitig fest davon überzeugt, wie wichtig und notwendig die Arbeit von El Buen Samaritano vor Ort ist.

Für viele der Kinder ist die Grundschule El Niño Jesús die einzige Möglichkeit, um überhaupt Schulbildung und Erziehung – trotz aller dabei auftretenden Probleme – erfahren zu dürfen. Aber auch die Erwachsenen profitieren von der Bildungsstätte – werden doch viele der Eltern am Nachmittag von den gleichen Lehrern, die vormittags ihre Kinder unterrichten, anhand eines staatlichen Alphabetisierungsprogramms unterrichtet. So bekommen auch diese Menschen die Möglichkeit, die verpasste Chance einer elementaren Schulbildung nachzuholen.

Während meines Aufenthaltes in Lima wohnte ich wie bisher alle Freiwilligen aus Deutschland bei den Casternoques. Dort wurde ich mit offenen Armen empfangen und problemlos in deren Familienleben integriert.

Mariátegui bekommt eine neue Straße (Foto: Giulia Paglialonga)

Die tägliche ca. 1,5-stündige Fahrt vom Stadtteil Villa María del Triunfo nach Maríategui war zwar recht anstrengend, doch bot dies mir auch Gelegenheit das limeñische – ziemlich chaotische – öffentliche Verkehrsmittelsystem kennen zu lernen. Man fährt mit Sammeltaxis durch das versmogte und lärmende Lima und hofft, dass der Fahrer einigermaßen wach ist und einen unversehrt ans Ziel bringt. Ich hatte Glück und bin immer heil ans Ziel gekommen!

In Mariátegui konnte ich den historisch bedeutsamen Prozess eines Straßenbaus miterleben. Zu Beginn meines Einsatzes gab es lediglich unasphaltierte Straßen – doch dann wurde mit dem Bau einer Hauptstrasse begonnen und nach ungefähr sechs Wochen fertiggestellt. Viele Menschen von Mariátegui freuten sich über diesen Fortschritt.

Weitere politische Neuerungen ergaben sich in Mariátegui, so wurde z.B. ein neuer dirigente de municipio (leitender Amtsträger) gewählt und angeblich hat zum ersten Mal in der Geschichte Mariáteguis ein Abgeordneter der Regierung den Stadtteil und die posta médica besucht, um sich über die Situation der dortigen Bewohner vor Ort kundig zu machen.

Frauen in traditioneller Kleidung (Foto: Giulia Paglialonga)

An einem Donnerstag hat mich Telmo zu den pirañitas (Straßenkinder Limas) mitgenommen. Die sehr harten Lebensbedingungen an einem ziemlich unwirtlichen Ort (unter einer stark befahrenen Brücke am Fluss Rímac, der mehr einer Müllhalde gleicht, als einem Gewässer) dieser jungen Menschen sind kaum fassbar und schockierend. Beispielsweise wurde ich einer 18-jährigen Frau vorgestellt, die seit zehn (!) Jahren an diesem Ort lebt und die mir ihr Neugeborenes in die Arme legte ... Was für eine Zukunft mag dieses Kind wohl haben? Die Kinder und Jugendlichen am Fluss sind sehr kommunikations- und berührungsbedürftig. Ich kam recht schnell mit ihnen ins Gespräch, während Telmo einem der Jungs die Haare schnitt. Ich bewundere Telmo sehr für diese Art von psychosozialer Betreuungsarbeit, die er immerhin schon seit über zehn Jahren dort leistet. Er ist dort sehr willkommen, um nicht zu sagen, dass die jungen Menschen auf ihn warten ... vielleicht so eine Art Vaterfigur für ein paar Augenblicke.

bei den Pirañitas (Foto: Giulia Paglialonga)

Nach zwei interessanten, lehrreichen aber auch anstrengenden Monaten beendete ich meinen Einsatz in der posta médica, um mich für vier Wochen als Backpackertouristin auf Reisen zu begeben und einige der vielen Sehenswürdigkeiten und unterschiedlichen Regionen Perús und Boliviens kennenzulernen.

Beide Erfahrungen – weder den Einsatz als Krankenschwester, das Leben bei den Casternoques, noch meine Reiseetappe durchs Land – möchte ich missen. Ich habe eine sehr intensive Zeit erlebt und bin sehr dankbar dafür, diese Erfahrungen gemacht haben zu dürfen. Das Erlebte zeigt nachhaltige Wirkung auf meinen Alltag in Deutschland und setzt viele von mir vorher als selbstverständlich betrachtete Dinge in ein neues Verhältnis.

Viele herzliche Grüße

Giulia Paglialonga


Bericht von Jessica Kordulla über ihren Freiwilligendienst

Lima, den 21. Januar 2005

Jessica Kordulla¡Queridos amigos de „El Buen Samaritano“!

Heute genau vor einem halben Jahr habe ich zum ersten Mal meinen Fuß auf peruanischen Boden gesetzt, und schon bald werde ich mit einem Koffer voller neuer Erfahrungen, Gedanken, Gerüchen und Geräuschen nach Deutschland zurückkehren.

Nachdem ich einen vierwöchigen Sprachkurs in Cusco gemacht hatte, begann ich, gemeinsam mit Judith Binder (sie wird den Unterricht bis Juli weiter führen), Englisch in der Schule El Niño Jesús zu unterrichten. Vom ersten Tag an wurden wir freudestrahlend von allen Kindern als „profesoras de inglés“ (Englischlehrerinnen) empfangen. Wir unterrichteten alle Klassen (von den Dreijährigen bis zur vierten Klasse) je eine Stunde pro Woche; die restliche Schulzeit unterstützten wir die Lehrer bei ihrer Arbeit (Hausaufgaben korrigieren, Bildmotive von Hand kopieren, ... usw.). Der Unterricht ist nicht mit dem einer deutschen Schule zu vergleichen, viele der Kinder haben keinerlei Familienrückhalt, leiden an großen Konzentrationsschwierigkeiten und die meisten sind regelrecht hyperaktiv. Man muss sich daher jede Menge neuer Ideen einfallen lassen, um immer wieder aufs Neue die Aufmerksamkeit der Kinder zu gewinnen. So machten wir beispielsweise Knet (aus Mehl, Salz, etc.) für alle Schüler, den wir spielerisch in den Unterricht mit einbezogen, hörten englische Kinderlieder auf CD an und ließen uns allerhand Spiele einfallen, um neue Vokabeln zu üben und den Kindern zu zeigen, wie spaßig es sein kann, eine neue Sprache zu lernen.

Hin und wieder besuchten wir auch einige Familien in Mariátegui. Es war jedes Mal sehr erschreckend für uns zu sehen, in welchen Verhältnissen Menschen leben müssen. Nur ein Pappdach über dem Kopf, ein einziges Bett für sechs Personen ..., und trotz allem strahlen die Menschen eine unglaubliche Freude aus und sind immer bereit zu geben, obwohl sie selbst kaum etwas haben. Viele halten zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Die Frauen des comedors (Volksküche) beispielsweise veranstalteten vor Weihnachten eine anticuchada (Straßenverkauf von Fleischspießen), um mit dem verdienten Geld Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder zu kaufen.

Mit Telmo gingen wir auch einige Male zu den pirañitas (Straßenkindern). Wir kochten mit ihnen, sangen Lieder, wuschen ihnen die Haare und zeigten ihnen einfach, dass jemand für sie da ist, der sie achtet und respektiert. Anfang Dezember fuhren wir mit 90 pirañitas an den Strand und verbrachten wundervolle und auch recht nasse Stunden zusammen. Da ich nicht baden wollte, das Wasser war sehr kalt, schmissen mich einige pirañitas mit all meiner Kleidung ins Meer. Dank der Sonne war ich schnell wieder trocken und alle hatten ihren Spaß. Kurz vor Weihnachten starteten Telmo und ich eine kleine Aktion und kauften Unterwäsche für Groß und Klein, die uns sofort freudig aus den Händen gerissen wurde.

Zum Abschluss meines Peru-Aufenthaltes fuhren wir Anfang Januar für drei Wochen in die Selva (Dschungel), wo wir das Dorf El Buen Samaritano besuchten, in dem El Buen Samaritano e.V. den enfermero (Krankenpfleger) bezahlt. Dieser kann jedoch seiner Arbeit nicht mehr nachgehen, da seine Frau im sterben liegt und all seinen Beistand benötigt. Daher suchten wir, gemeinsam mit Telmo, nach einem neuen enfermero, und zur Freude der Dorfbewohner wurden wir auch schnell fündig. Ein weiteres Problem, dass die Bewohner an der Cocha del Caro Curahuayte beschäftigt, ist die Schulbildung ihrer Kinder. Der Staat bezahlt zwar die Lehrer um in den jeweiligen Dörfern zu unterrichten, diese jedoch besorgen sich ein Attest beim Arzt und gehen so ihrer Verpflichtung, zum Leid der Kinder, nicht nach. Wir trafen ein Dorf an, in dem auf Grund dessen schon seit zwei Jahren kein Unterricht mehr stattfindet. Daher führten wir auch viele Gespräche mit dem Vertreter der Lehrergemeinschaft, welcher uns eine baldige Änderung versprach.

Ich muss mich nun bald von all den Menschen, die ich kennen lernte, und ihrem Land verabschieden. Meine letzten Tage werde ich in vollen Zügen genießen. Bei El Buen Samaritano e.V. und ganz besonders den Casternoques möchte ich mich für die 6,5 Monate, in denen ich so viele neue Erfahrungen und Erkenntnisse für mein Leben dazu gewonnen habe, recht herzlich bedanken!!!

Liebe Grüße an alle, die El Buen Samaritano e.V. so tatkräftig unterstützen!

Jessica Kordulla


Mariátegui (Foto: Giulia Paglialonga)


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