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45. Rundbrief mit Berichten
über Januar bis Juni 2004

—> Den Rundbrief gibt es auch als .PDF-Datei zum Ausdrucken <—

Schulkinder der Schule El Niño Jesús im Schulhof

Inhalt:


Sulzbach/Saar, im August 2004

Sehr geehrte, liebe Freundinnen und Freunde von El Buen Samaritano,

als 1998 erstmals von der Idee die Rede war, unsere Vorschule zu einer Grundschule zu erweitern, und auch noch im Jahr 2001, als der Grundschulbetrieb provisorisch mit einer ersten Klasse aufgenommen wurde, hätten wir kaum zu träumen gewagt, was heute schon in greifbare Nähe gekommen ist: Mit der weitgehenden baulichen Fertigstellung des dritten Stockwerks der Schule (vgl. Fotos am Ende des Rundbriefs) und der definitiven behördlichen Genehmigung für den regulären Schulbetrieb steht dem einst so fernen Ziel nun kaum mehr etwas im Wege. In den beiden kommenden Jahren muss es nur noch gelingen, Innenausbau und Ausstattung der beiden letzten Klassenzimmer zu vollenden und Lehrer für die fünfte und schließlich auch noch die sechste Klasse unter Vertrag zu nehmen.

Möglich wurde all das durch Eure Spenden. Wie Ihr unserem Kassenbericht entnehmen könnt, ist nun aber – wie angekündigt – auch das ganze Polster, das wir zu Jahresende angespart hatten, aufgebraucht.

Derzeit arbeiten in Lima wieder freiwillige Helferinnen aus Deutschland mit, erstmals drei gleichzeitig. Ihre Eindrücke werden sie Euch im nächsten Rundbrief schildern. Eine Neuerung ist, dass wir in Zukunft auch Kriegsdienstverweigerern die Möglichkeit geben können, anstelle ihres Zivildienstes bei El Buen Samaritano den so genannten Anderen Dienst im Ausland (ADiA) zu leisten. Junge Männer, die sich dafür interessieren, können sich an den Vorstand wenden.

Nachruf:

Telmo Casternoque und Dr. Cornelius Rauch 2002Einer der ersten regelmäßigen und großzügigen Unterstützer von El Buen Samaritano war mein Großvater Cornelius Rauch. In den ersten Jahren gab es manche Monate, in denen er allein weit mehr als die Hälfte des ganzen Spendenaufkommens beisteuerte. In jener Zeit war er dadurch maßgeblich an der Entwicklung unseres Werkes beteiligt. Das Foto zeigt ihn einhundertjährig gemeinsam mit Telmo bei dessen Besuch 2002.

Im Juni dieses Jahres ist Cornelius Rauch im 103. Lebensjahr gestorben.

El Buen Samaritano nimmt mit großer Dankbarkeit Abschied von ihm und dankt auf diesem Weg auch all denen herzlich, die der Bitte auf der Traueranzeige gefolgt sind, statt Blumen Geld für unsere Arbeit in Perú zu spenden.

Die Spendenbescheinigungen für diese Sonderspenden werden wir den Spenderinnen und Spendern unaufgefordert im Januar zusenden (wie auch alle anderen Spendenbescheinigungen).

Auch allen anderen Unterstützerinnen und Unterstützern sei einmal mehr gedankt!

Mit herzlichen Grüßen

Euer

Holger v. Rauch

Holger v. Rauch


Telmos Bericht über die Arbeit in Perú Januar bis Juni 2004

(Übersetzt und leicht gekürzt von Holger von Rauch)

Liebe Freunde von El Buen Samaritano e.V. in Deutschland!

Aus Perú sende ich Euch brüderliche Grüße von meiner ganzen Familie und von allen Mitarbeitern bei El Buen Samaritano. Ich bete für jeden von Euch, dass bei Euch zuhause allezeit Friede und Liebe herrsche.

Am liebsten würde ich jedem einzelnen meiner Freundinnen und Freunde einen persönlichen Brief schreiben, aber leider kann ich ja nicht Deutsch. Ich möchte aber, dass Ihr trotzdem wisst, dass ich mich viel an Euch erinnere und immer an alles denke, was ich bei Euch gesehen und erlebt habe.

Und nun zu unseren Aktivitäten der Monate Januar bis Juni.

Die Arbeit der Schule El Niño Jesús

Von Januar bis März sind hier in Perú die Schüler und die Lehrer in den Ferien.

Im Februar eröffneten wir das Einschreibeverfahren für das Schuljahr 2004. Täglich von 8.30 bis 13 Uhr konnten Eltern ihre Kinder bei uns anmelden. Gloria, die das Verfahren leitete, berichtet, dass über 40 Eltern kamen, um Stipendien für ihre Kinder zu beantragen. Jeder von ihnen erzählte von der dramatischen Situation in seinem Zuhause.

Doch Gloria kümmerte sich nicht nur um die Einschreibungen, sondern sie wickelte gemeinsam mit unserem Direktor die Verwaltungsakte zur Beantragung der Betriebsgenehmigung der Grundschule für die erste bis sechste Klasse bei der Schulaufsichtsbehörde ab.

Mit viel Enthusiasmus machten wir uns unterdessen an den Bau des dritten Stockwerks unserer Schule, das bisher größte und kostspieligste Unterfangen bei unserer Arbeit in Mariátegui. Um diese Arbeit und viele andere zu ermöglichen, haben sich viele Freundinnen und Freunde, Familien, Kinder, christliche Kirchen und andere Einrichtungen mit ihren Spenden beteiligt. Dafür danken wir im Namen aller unserer Kinder und aller anderen Menschen, die auf die eine oder andere Art Hilfen aus Deutschland bekommen oder bekommen haben. Wir sind gewiss, dass unser guter Gott Euch durch seine Gnade belohnen wird. Wir rechnen damit, die Bauarbeiten bis zum Ende dieses Jahres abschließen zu können. Das Dach ist mittlerweile fertig gestellt, was für uns ein wahrer Triumph war.

Im März waren wir mit der Vorbereitung der Schuljahreseröffnung beschäftigt und damit, Hausbesuche bei allen Familien zu machen, die für ihre Kinder Stipendien beantragt hatten, um zu entscheiden, welchen der Kinder die Schule bei ihrer Ausbildung Vergünstigungen gewähren kann. Am 29. März begann das Schuljahr. Das Schulpersonal setzt sich folgendermaßen zusammen:

  • Direktor: Oswaldo Dionisio
  • Geschäftsführerin: Gloria María Aliaga
  • Vorschullehrerinnen: Elizabeth Castro (Dreijährige), Gina Cabrera (Vierjährige), Magali Suárez (Fünfjährige)
  • Grundschullehrer(innen): Lucila Robles (1. Klasse), Gladis Rivas (2. Klasse), María Elena Monteza (3. Klasse), Pablo Arce (4. Klasse)
  • Turnlehrer: Jesús García; Hilfskraft: Luz María Aliaga

Am ersten Schultag erschienen 112 Schüler, 40 Vorschüler und 72 Grundschüler.

Zehn Tage nach Beginn des Schuljahres bekamen wir überraschend Besuch: Ein Beamter der Schulaufsichtsbehörde überreichte uns den Beschluss des Direktors der Schulaufsicht, wonach uns die offizielle Betriebsgenehmigung für die erste bis sechste Klasse zugesprochen wird. Diese Nachricht wurde von den Lehrern mit großem Beifall entgegengenommen. Durch die Anerkennung hat unsere Schule nun ein höheres Prestige und kann offiziell die vollständige Vor- und Primärschulausbildung anbieten.

Die offizielle Schuljahreseröffnung konnten wir erst am zweiten April feiern. Wir luden dazu auch die Eltern der Kinder ein, um ihnen das Jahresprogramm zur Kenntnis zu geben und sie über unsere Fortschritte bei der Fertigstellung des dritten Stockwerks zu informieren.

Der 12. Mai ist ein wichtiges Datum für unsere Schule. Schüler, Eltern und Nachbarschaft freuen sich auf diesen Tag, denn es ist immer ein schönes Fest, zu dem die Kinder Folkloretänze, Gedichte, Theaterszenen und Gesangsdarbietungen einstudieren, während die Väter und Nachbarn ein Fußballturnier veranstalteten. Wir danken an diesem Tag Gott für 13 Jahre des ununterbrochenen Schulbetriebs.

Im Juni veranstalteten wir die erste Elternschule. Zunächst vermittelte ein Pfarrer den teilnehmenden Eltern viel wichtiges Wissen über die Familie. Danach kam ein Psychologe, der über das Thema „Die Rechte des Kindes“ sprach.

Auf den folgenden Seiten möchte ich Euch einige Beispiele davon geben, was die Lehrerinnen tagtäglich mit ihren Klassen erleben.

Die Lehrerin María Elena, die für die dritte Klasse zuständig ist, berichtet uns von einem achtjährigen Mädchen in ihrer Klasse, das ihr große Sorgen macht. Das Mädchen ist immer sehr traurig, möchte nicht spielen, lacht nicht, lässt immer den Kopf hängen und kommt oft gar nicht zum Unterricht. Deshalb nahm die Lehrerin das Kind einmal mit, um gemeinsam etwas zu Essen zu kaufen, und dort fragte sie es dann, was denn der Grund sei für ihr Verhalten. Sie war wie vom Donner gerührt, als das Mädchen ihr sagte, dass ihr Stiefvater nachts zu ihr ins Bett steige, um ihr Gesellschaft zu leisten, wie er sagte, und sexuelle Handlungen an ihr verübe. Die Mutter überlässt ihre vier minderjährigen Kinder der Aufsicht ihres zweiten Mannes, weil sie selbst nachts arbeitet. Die Mutter wurde sofort in die Schule bestellt und über diese Angelegenheit informiert. Sie war völlig perplex. Die Lehrerin gab ihr den Rat, das Kind zu einem Gerichtsmediziner zu bringen, damit geklärt werden kann, ob es wirklich vergewaltigt worden ist. Wir wissen nicht, was dabei herausgekommen ist.

Ein weiterer solcher Fall ist ein Junge aus der ersten Klasse, der erzählte, er schlafe mit seinem Onkel, der ihm nachts immer die Hose ausziehe und den Finger in den After stecke. Als die Lehrerin Lucila Robles zu den Großeltern ging, um mit ihnen darüber zu sprechen – denn das Kind wohnt nicht bei seinen Eltern – da glaubten die Großeltern nicht, dass dieses wirklich geschieht. „Der Bub lügt“, ist dann die Antwort.

Die Lehrerin der zweiten Klasse, Gladis, teilt uns mit, dass es sehr verantwortungslose Eltern gibt, welche die ihnen zufallende Rolle überhaupt nicht ausfüllen, ihre Kinder vernachlässigen, sich nicht darum kümmern, ob die Kinder ihre Hausaufgaben machen, sie den ganzen Tag unter der Obhut irgend eines Verwandten allein lassen. Viele der Kinder kommen sehr schmutzig in die Schule. Die Lehrerin hat dadurch viel zusätzliche Arbeit: Von Montag bis Freitag den Unterricht mit ihren 29 Schülern, und einmal pro Woche Elternversammlungen.

Der Lehrer der 4. Klasse, Pablo Arce, berichtet, dass die Kinder aus seiner Klasse sehr aggressiv sind, sie schlagen und schubsen sich gegenseitig, belegen sich mit Beschimpfungen, wie „Hund“ und „Du hast ein Schweinsgesicht“ und anderen, respektieren den Lehrer nicht, springen auf die Tische, verlassen während des Unterrichts das Klassenzimmer, gebrauchen unanständige Wörter, sprechen viel über Sex. Die Ursache dafür ist, dass die Kinder völlig unkontrolliert fernsehen. Sie sehen Gewaltfilme und Filme für Erwachsene, weil sie fast den ganzen Tag unbeaufsichtigt sind.

Die Arbeit mit den Straßenkindern

Unsere Arbeit mit den Straßenkindern, den so genannten pirañitas, findet regelmäßig donnerstags von 11 bis 17 Uhr statt.

Leider hat es wieder einen Todesfall gegeben. Der elfjährige Raúl, der El Gringacho genannt wurde, wurde nachts beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren, und der verantwortungslose Fahrer flüchtete.

Im Juni arbeitete bei uns eine junge Deutsche namens Karolina mit. Ihre Arbeit bestand zunächst darin, mit den Kindern Freundschaft zu schließen; an manchen Donnerstagen lud sie ein oder zwei der Kinder zum Essen ein.

Am Donnerstag, dem 1. Juli vollbrachten die Lehrerinnen unserer Schule El Niño Jesús eine große Geste der Solidarität: Sie nutzten den schulfreien Tag dazu, für die pirañitas ein Mittagessen zu veranstalten. Jede von ihnen gab etwas von ihrem Geld, und sie selbst kochten ein gutes Essen. Während einige von ihnen kochten, räumten die anderen um die Kochstelle herum ein wenig auf, damit wir an einem sauberen Ort essen könnten, und andere unterhielten sich mit den Kindern und schlossen Freundschaft mit ihnen. Es war eine sehr gute Erfahrung für alle, auch wenn zwei der Lehrerinnen anfangs einen großen Schreck bekamen, als sich ihnen die Straßenmenschen näherten, um sie zu umarmen.

Bei dieser Gelegenheit wollen wir erneut unseren Dank an die Kinder aus dem Mössinger Quenstedt-Gymnasium zum Ausdruck bringen, die in einer Aktion Bonbons verkauften, um uns eine Sonderspende zukommen zu lassen, damit einige der Straßenkinder in die Schule gehen können.

Pilar (elf Jahre), Jesús (acht Jahre), Milagros (sechs Jahre) und Piero (vier Jahre) sind die Kinder, die jetzt in eine staatliche Schule im Zentrum Limas gehen, nur ein paar hundert Meter von der Santa-Rosa-Brücke entfernt, wo die Straßenmenschen leben. Wir kauften ihnen von dem gespendeten Geld ihre Uniformen, Schuhe, Hefte und alle Schulutensilien.

Die Kirchengemeinde

An den Dienstagabenden versammelt sich unsere ganze Gemeinde zum Gebet für den Frieden in der Welt und für den Frieden in allen Familien. Wir beten auch für die Kirchen in der Welt, für die Pastoren und Missionare, die ihre Zeit in den Dienst des Herrn gestellt haben, und auch alle unsere Freundinnen und Freunde und alle Institutionen, die Spenden für die Armen in Perú senden, sind in unseren Gebeten präsent. Gott segne Euch, liebe Freunde.

Im Bestreben, den jungen Menschen, die in der Umgebung unserer Schule El Niño Jesús Jugendgangs gebildet haben und dort Straftaten begehen, zu helfen, organisierte unsere Kirchengemeinde eine Konferenz nur für Jugendliche aus Mariátegui. Diese Veranstaltung fand im Hof unserer Schule statt; ungefähr 100 Jugendliche fanden sich ein, und wie immer viele Kinder. Sie erhielten Informationen über Drogen, es gab Diskussionen über die Lebensbedingungen in Mariátigui, Vorschläge und Alternativen zu Jugendgangs und Raubüberfällen wurden entwickelt. Die Jugendlichen sagten: „Wir würden ja gern Sport treiben oder etwas Sinnvolles tun, aber wir wissen nicht wie und wo“. Sie würden sich auch gern organisieren, um beispielsweise nachts Sandwichs und Getränke zu verkaufen. Einer der Jugendlichen brachte die Idee auf: „Warum gehen wir nicht in den Amazonasurwald? Dort können wir das Land bearbeiten und selbst produzieren, was wir brauchen.“ Diese Idee gefiel mir, Telmo, persönlich gut. Es wurden auch christliche Lieder gesungen, es gab Preise für die Jugendlichen, die vor Publikum Lieder vortrugen oder Erfahrungen aus ihrem Leben erzählten. Als einen ersten Schritt der Unterstützung beschloss unsere Kirchengemeinde, einen Fußball zu kaufen und mit den Jugendlichen Sport zu treiben. Als die Konferenz zu Ende ging und allen noch ein Erfrischungsgetränk gereicht wurde, riefen die Jugendlichen laut: „Wir wollen bald wieder so eine Konferenz!“. Wir danken im Namen der ganzen Kirche dem Missionar Michael Solari, der die Konferenz leitete und auch sämtliche Kosten der Konferenz trug.

Die Arbeit an der Cocha del Caro Curahuayte im Amazonasurwald

Wie Ihr wisst, unterhalten wir in dem Dorf El Buen Samaritano, das am Ufer der Lagune gelegen ist, zwei Programme, eines zur Gesundheit und eines zur Erziehung. In der Medizinstation arbeitet ein Krankenpfleger, der mit den Spenden aus Deutschland bezahlt wird. Die Medizinstation ist an diesem Ort so etwas wie eine Oase in der Wüste. Viele Menschen konnten hier vom Tode errettet werden, so konnte ihnen zum Beispiel nach Schlangenbissen oder bei verschiedenen Erkrankungen auf vielerlei Weise geholfen werden.

Der Krankenpfleger unterrichtet uns aus dem Urwald darüber, dass er im ersten Halbjahr des Jahres zwei Geburten betreut hat. Er betreibt jetzt mehr als in den vergangenen Jahren Aufklärung über Familienplanung, das nächstgelegene staatliche Krankenhaus stellt unserer Medizinstation Verhütungsmittel zur Verfügung.

In einem Brief haben die Bewohner von El Buen Samaritano unserem Freund Simon Braungardt für seinen Besuch im Januar und für seinen Beitrag zur Unterstützung des Dorfes in Form eines Fischernetzes gedankt.

Liebe Freunde, das war alles für heute, ich verabschiede mich von jedem einzelnen von Euch, indem ich Euch die reichsten Segnungen des Herrn, für Euer Leben und Eure Familien wünsche.

Eine feste Umarmung,

Telmo Casternoque


Brief von Karoline Klußmann

Karoline Klußmann mit Straßenkindern

Ich heiße Karoline, bin 28 Jahre alt und studiere Diplompädagogik. Nach den mündlichen Prüfungen hatte ich den Wunsch, noch einmal ein Praktikum im Ausland zu machen. Über Nonnen in Münster bin ich nach Peru gekommen, wo ich drei Monate in einem Mädchenheim gearbeitet habe.

Da ich meine Diplomarbeit über das Thema „Straßenkinder“ schreiben möchte, habe ich versucht, über das Internet herauszubekommen, welche Organisationen in Perú mit Straßenkindern arbeiten. So habe ich von El Buen Samaritano erfahren und Kontakt zu Telmo aufgenommen.

Am 2. Juni bin ich zum ersten Mal mit Telmo zu den pirañitas zum Fluss gegangen. In ihrer Unterkunft unter der Brücke hat Telmo mich vorgestellt. Ich hatte zuerst ein mulmiges Gefühl, weil sowohl der Ort als auch die Mehrheit der Leute sehr elend aussahen. Außerdem roch es nicht angenehm. Ich konnte nicht glauben, dass hier bis zu 100 Personen leben. Die Schlafplätze sind dreckig und alles andere als bequem. Wie ist es nur möglich unter solchen Bedingungen zu leben ...

Es war ein innerer Schock, diese Realität zu sehen. Es ist noch einmal etwas ganz anderes, aus Büchern etwas über Straßenkinder zu lesen oder es selbst mit eigenen Augen zu sehen, mit den Leuten zu sprechen, den Gestank zu riechen, den gedrogten Jugendlichen in die Augen zu blicken, sie husten zu hören usw. Sehr erstaunt war ich darüber, dass die meisten Leute diese Unterkunft als „Luxusherberge“ ansehen, weil sie noch vor gar nicht langer Zeit unter noch viel elenderen Bedingungen ohne Dach über dem Kopf direkt unten am Fluss gelebt haben.

Die Male, die ich mit den „Río-Leuten“ verbracht habe, waren jedes Mal anders. Telmo hat mir gleich von Anfang an gesagt, das ich keine genauen Vorstellungen haben darf, wie es ablaufen sollte. Dann ist man nur enttäuscht. Man muss sich an die jeweilige Stimmung anpassen und einfach abwarten. So haben sich oft ganz spontan gute und interessante Gespräche ergeben. Da ich in Deutschland als Sexualpädagogin gearbeitet habe, war es für mich persönlich besonders schön, wenn ich das Gefühl hatte, den Jugendlichen in dieser Hinsicht etwas mitgeben zu können. Einmal hat sich mit zwei jungen Männern ein gutes Gespräch ergeben. Ganz zufällig kamen wir auf das Thema Sexualität zu sprechen. Da alle Kids ziemlich direkt sind, kamen gleich die ersten Fragen: „Warum wollen alle Frauen nur große Penisse ...“, „Warum bekomme ich manchmal einen steifen, wenn ich Frauen sehe ...“ Wir haben uns total locker unterhalten. Die beiden haben ziemlich gekichert oder gelacht. Ich glaube sie sind es einfach nicht gewohnt, dass jemand – noch dazu eine Frau – so offen mit ihnen über Sexualität spricht.

Ansonsten habe ich unterschiedliche Sachen mit den Kids gemacht: Haare gewaschen, entlaust, gekocht, gesungen usw. Am wichtigsten ist die Zuwendung! Alle sind so liebeshungrig. Eine Umarmung hier, ein gutes Wort dort. Ich war erstaunt, dass all diese Menschen, die in ihrem Leben so viel Schlechtes erlebt haben, mir dennoch so offen und herzlich begegnen konnten. Viele kamen einfach so auf mich zu, haben mich umarmt, ihren Kopf auf meinen Schoß gelegt usw. Insgesamt war es für mich eine harte, an die Nieren gehende Erfahrung, aber ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte.

Karoline


Die Schule El Niño Jesús ohne ...

Die Schule El Niño Jesús ohne Dach auf dem 3. Stock (von hinten)

... und mit Dach auf dem 3. Stock (von hinten)

Die Schule El Niño Jesús mit Dach auf dem 3. Stock (von hinten)


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