EL BUEN SAMARITANO e.V.

Aktuelles und Aussichten (Stand: September 2018)

Seit dem ► Sonderspendenaufruf vom 13. Juni vor mehr als drei Monaten hat sich einiges getan, aber der ganz große Durchbruch ist – leider – immer noch nicht erreicht.

► Die Hintergründe der aktuellen Behördenprobleme sind in früheren Newslettern beschrieben.

Beginnen wir also mit der schlechten Nachricht (bitte weiterlesen – es folgen gute!): Bis heute hat Elizabeth keinen Zugriff auf das Registrierungssystem, weiterhin ist also keins der 401 Kinder unserer Schule offiziell eingeschrieben, und die Kinder, die von unserer Schule in andere Schulen gewechselt haben, können auch dort wegen des fehlenden Übergangszertifikats nicht eingeschrieben werden.

Die Folgen hieraus sind unangenehm:

  • Viele Eltern schicken ihre Kinder zwar weiterhin in die Schule, weigern sich aber, die Schulgebühren zu zahlen, denn offiziell gehen die Kinder ja nicht in die Schule, und prinzipiell besteht das Risiko, dass ihnen am Ende das ganze Schuljahr nicht anerkannt wird. Täglich kommen Eltern in die Schule, fragen nach, schimpfen, drohen, und täglich muss sich Elizabeth dem stellen, erklären, was kaum erklärlich ist, um Geduld bitten, die sie selbst nur mühsam aufbringt, machtlos, weil sie sich ja genau darum mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln bemüht, was diese Eltern zu Recht fordern.
  • Besonders prekär ist die Situation der Kinder, die die Schule gewechselt haben. Sie sitzen nun schon fast das ganze Schuljahr als eine Art Gastschüler in ihren Klassen und bekommen das auch ständig zu spüren. Die Schuldirektoren verstoßen mit nicht eingeschriebenen Kindern gegen die Vorschriften und drohen regelmäßig, sie vom Unterricht auszuschließen, und immer wieder muss sich Elizabeth auch hier einschalten und ihre Kollegen vertrösten, was mit voranschreitendem Schuljahr immer schlechter klappt. Mich macht diese Situation besonders zornig, denn hier müssen die Schulkinder etwas ausbaden, wofür sie überhaupt nichts können, und potentiell werden sie sogar in der Wahrnehmung ihres Menschenrechts auf Bildung beschränkt.

Wie kann es sein, dass der Zugang zum Registrierungssystem bis heute nicht freigeschaltet wird?

Diese Frage stellen wir uns auch ein ums andere Mal. Niemand in den Behörden bestreitet mehr, dass Elizabeth das Recht hat, auf das Registrierungssystem zuzugreifen und die Kinder einzuschreiben. Mehr noch: Die der lokalen übergeordnete regionale Schulbehörde hält es für völlig unrechtmäßig, dass die lokale Behörde den Zugang zu diesem System überhaupt gesperrt hat und will deshalb auf offiziellem Wege im Rahmen einer Art Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die niedrigere Behörde vorgehen, und Elizabeth soll in diesem Verfahren als Zeugin aussagen. Schon Ende Juli zeigte ein leitender Beamter dieser Behörde Elizabeth eine schriftliche Anordnung, dass der Zugang zum Registrierungssystem umgehend freizuschalten sei. Auf dem Dokument fehlten nur noch zwei Unterschriften, dann würde es an die lokale Schulaufsichtsbehörde gehen und der Zugang müsse dann sogleich freigeschaltet werden. In jenen Tagen waren wir sicher, dass es endlich geschafft sein würde. Doch dann war dieser Beamte wochenlang nicht erreichbar und niemand anders wusste von diesem Beschluss. Dann tauchte der Beamte wieder auf, schimpfte auf seine Kollegen, versicherte, nun sei es wirklich nur noch eine Sache weniger Tage, die fehlenden Unterschriften einzuholen und eine letzte juristische Prüfung vornehmen zu lassen – und auch dieser Schwebezustand dauert nun schon mehrere Wochen an.

Für Elizabeth ist das ganze nur noch zermürbend. Mehrmals pro Woche klappert sie die verschiedenen Behörden ab, überall bestätigt man ihr, dass sie im Recht sei, nirgendwo geht etwas voran. Der zweite Antrag auf eine einstweilige Verfügung ist wie der erste beim Gericht unbearbeitet liegen geblieben. Die Eingabe beim Präsidenten der Republik und auch die Intervention einer Parlamentsabgeordneten bewirkten nichts, außer dass auch hierauf jeweils bestätigt wurde, dass wir im Recht sind.

Ich sitze derweil machtlos in München und erlebe diesen Alptraum, der Kafkas «Prozess» längst in den Schatten stellt, und mache mir mein Bild von diesen so korrupten wie unfähigen Behörden. Noch schlimmer (falls das geht) als die Korruption und die Unfähigkeit ist aber für mich die Gleichgültigkeit und Arroganz, die dort allenthalben herrscht. Das Recht auf Schulbildung Hunderter von Kindern und der Fortbestand eines sozialen Bildungswerkes, das seit 28 Jahren fruchtbringende Arbeit tut, ist all diesen Amtsträgern offensichtlich vollkommen egal. Und warum? Ganz einfach: Weil es ja nur Menschen im Armutsgebiet betrifft. Nie zuvor ist mir diese in der peruanischen Gesellschaft (aber sicher nicht nur dort) vorherrschende Grundhaltung so bewusst geworden.

Wir warten seit vielen Wochen darauf, dass endlich das Registrierungssystem wieder freigeschaltet wird, denn genau darin besteht jetzt eigentlich unser ganzes Problem: Wenn es freigeschaltet wird, können umgehend die oben beschriebenen Probleme sämtlich gelöst werden, alle Kinder werden eingeschrieben, von den Eltern kann verlangt werden, dass sie wieder Schulgebühren zahlen und Elizabeth wird keine bohrenden Fragen, Vorwürfe, Drohungen und Beschimpfungen mehr erdulden müssen, denn dann wird sie wieder für alle erkennbar die Direktorin sein, denn wer einschreibt und Zertifikate ausstellt, ist der Direktor. Alle, die – immer noch indoktriniert durch die kriminelle Gruppe, die sich die Schule aneignen wollte – Elizabeth als Betrügerin und ähnliches diffamieren, werden verstummen müssen.

Auch heute sieht es so aus, als stünde dieser große Moment nun unmittelbar bevor: Elizabeth wurde ganz fest versprochen, dass die Anordnung an die Schulaufsichtsbehörde gleich Anfang der kommenden Woche ergehen wird. – Aber so hört es sich, wie gesagt, schon seit Monaten an. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als inständig zu hoffen, dass es wirklich bald dazu kommt.

Alles andere wäre schlimm:

  • Der Druck auf die Kinder, die die Schule gewechselt haben, würde immer weiter steigen.
  • Der Druck, den deren Eltern und viele andere auf Elizabeth ausüben, würde ebenfalls immer weiter – vielleicht über ein erträgliches Maß hinaus – steigen.
  • Wir würden das Schuljahr finanziell nicht überstehen: Derzeit bekommt Elizabeth nur für knapp 100 Kinder (von 401) regelmäßig Schulgeld. Weitere knapp 100 Kinder sind entweder von der Schulgebühr befreit oder zahlen einen ermäßigten Satz. Und für den ganzen Rest zahlen die Eltern eben zur Zeit nicht, versprechen aber, sofort wieder zu zahlen, sobald ihre Kinder eingeschrieben sind. Das Schuljahr hat noch volle drei Monate. Die aktuellen Einnahmen in Perú und unsere normalen Spendeneingänge genügen bei weitem nicht, um dafür alle Kosten zu decken. Und das Erbe, mit dem wir in den letzten Jahren so manche Lücke stopfen konnten, ist fast ganz aufgebraucht.

Doch kommen wir zu den guten Nachrichten, die ich eingangs versprochen habe:

An erster Stelle steht, was beinah an ein Wunder grenzt: Der Schulbetrieb funktioniert und hat das ganze bisherige Schuljahr fast ohne Einschränkungen sehr gut funktioniert. Alle Lehrerinnen sind dageblieben, das Arbeitsklima im Kollegium ist weiterhin gut. Trotz all der Unbilden, die uns so viele Sorgen bereiten, wird unser Vereinszweck weiterhin erfüllt, und Eure Spenden kommen weiterhin genau dort an, wofür sie bestimmt sind: Sie ermöglichen gute Schulbildung für die Kinder im Armutsgebiet (um die sich außer uns kaum jemand sorgt, wie wir erkennen müssen). Die einzige Einschränkung ist, dass es dieses Jahr kein Frühstück und keinen Nachmittagsimbiss gibt. Das wäre finanziell und organisatorisch nicht zu schaffen gewesen. Dass etwa einhundert Kinder von ihren Eltern von der Schule genommen wurden, ist eine weiterer Wermutstropfen. Aber 401 Kinder sind noch da, und derentwillen lohnt sich alle Mühe ganz ohne jede Frage. (Noch vor wenigen Jahren hätte ich es für fast unvorstellbar gehalten, dass in unserer kleinen Schule einmal so viele Kinder unterrichtet werden würden.)

Das zweite Beinah-Wunder ist, dass trotz all der hässlichen Dinge, die wir im Lauf dieses Jahres so ungeschminkt berichtet haben, alle Mitglieder und Spenderinnen und Spender treu bei der Stange geblieben sind. Das macht mich sehr froh und ermutigt auch Elizabeth ganz gewaltig. Unser ► Sonderspendenaufruf vom 13. Juni erbrachte beeindruckende 10.750 Euro. Wir sind sehr dankbar für dieses große Zeichen des Vertrauens und der Zustimmung!

Bei der ► Mitgliederversammlung am 19. Mai war beschlossen worden, den Lehrerinnen als Zeichen unserer Anerkennung und Solidarität ein Geschenk zu machen. Elizabeth fragte die Lehrerinnen, was sie sich wünschten, und die Entscheidung lautete nicht, wie ich erwartet hätte, wir wollen Bargeld, sondern: Wir wollen gemeinsam einen Ausflug machen, damit wir in Ruhe miteinander reden können. Dieser eintägige Betriebsausflug des gesamten Schulpersonals aufs Land nach Cieneguilla, Antioquía und Cochahuayco fand am 7. Juli statt. Die Lehrerinnen, die nur selten aus Lima herauskommen, schrieben sehr begeisterte E-Mails.

Eine weitere gute – wenn auch nicht schöne – Nachricht ist, dass das Strafverfahren gegen Telmo Casternoque, seine Vereinsvorsitzende und den Strohmann-Schuldirektor eröffnet worden ist, und zwar just durch die Staatsanwältin, die am 20. April selbst Zeugin der Vorgänge war. Die Wahrscheinlichkeit, dass es hier zu Verurteilungen kommt, ist nach Elizabeths Einschätzung hoch, namentlich im Falle Telmo Casternoques, der wegen desselben Delikts bereits vorbestraft ist und noch Bewährungsauflagen erfüllen muss. Untereinander haben sich die drei unterdessen gründlich zerstritten, wie Elizabeth erfahren hat.

Die Betriebserlaubnis für unsere Schule, die immer noch auf den Namen des Vereins dieser Leute ausgestellt ist, wird zum Jahresende annulliert. Das klingt zunächst bedrohlich, ist aber auch eine gute Nachricht, denn danach werden sie überhaupt kein Argument mehr haben, mit dem sie irgendwelche Ansprüche an der Schule begründen könnten.

Und der Deal mit der Betriebserlaubnis, die wir kaufen wollen, ist in trockenen Tüchern. Als Preis wurden letztlich knapp 6.000 Euro vereinbart. (Ursprünglich sollten es gut 7.000 sein.) Die Hälfte ist bereits angezahlt und notariell beglaubigt. Der formelle Übergang wird im Dezember stattfinden, wenn die alte Betriebserlaubnis erloschen ist.

Die beiden letzten Absätze erfordern freilich die Mitwirkung der Schulbehörden. Es sind wohl andere Abteilungen zuständig als die, mit denen wir derzeit zu tun haben. Gleichwohl bleibt ein gewisser Vorbehalt und es gilt abzuwarten, ob das wirklich alles so klappt. Elizabeth ist sehr zuversichtlich. (Zum Glück, sonst hätte sie längst aufgegeben.)

Auch ich bin zuversichtlich und glaube daran, dass wir das durchstehen und mit dem nächsten Jahr endlich ein ganz neues Kapitel in unserer langen Geschichte aufschlagen können. Für die Dinge, die wir vorhaben, wie den Bau neuer Klassenzimmer, können wir bestimmt Geld von anderen Organisationen und aus Fördertöpfen bekommen – wenn wir eine eigene Betriebserlaubnis haben und Elizabeth die Schule uneingeschränkt repräsentieren kann. Und im Jahr 2020 kann dann Elizabeths Besuch in Deutschland nachgeholt werden.

München, den 30. September 2018
Holger von Rauch