EL BUEN SAMARITANO e.V.

Absage der Deutschlandreise Elizabeth Castros

Elizabeth Castros Deutschlandreise war für die Zeit vom 28. März bis zum 26. Mai 2018 geplant.

Die Reise musste abgesagt werden, weil mit unserer Schule ein gravierendes administratives Problem aufgetreten ist, dessentwegen Elizabeth in Perú bleiben muss. Dieses Problem möchte ich erläutern.

Leider müssen somit alle vereinbarten Termine abgesagt werden, außer der Mitgliederversammlung am 19. Mai 2018, die trotzdem stattfinden soll.

Das Flugticket wurde storniert; laut mündlicher Zusage der Fluggesellschaft wird uns etwa die Hälfte der Kosten erstattet.

Es tut mir sehr leid für die Zeit und Arbeit, die viele Mitglieder und Unterstützerinnen und Unterstützer in die Organisation von Elizabeths Aufenthalt gesteckt haben. Auch meine und unsere Enttäuschung ist riesengroß.

Auf der anderen Seite ist es erfreulich, dass die gemeinsame Vorbereitung der Reise so gut geklappt hat, wirklich sehr viele interessante Termine geplant werden konnten und es sicher zu vielen guten und fruchtbaren Begegnungen gekommen wäre. Ein Vereinsmitglied hat vorgeschlagen, das Ganze als Generalprobe zu betrachten und die Organisation dann, wenn die Reise nachgeholt wird, wieder genau so gut oder noch besser hinzukriegen.

Diese Sichtweise will ich mir gern zu Eigen machen. Es gilt also: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Die Reise wird auf jeden Fall nachgeholt – entweder sehr bald, innerhalb des ursprünglich geplanten Zeitraums, wenn das administrative Problem kurzfristig gelöst werden kann, oder zu einem späteren Zeitpunkt.

Bei aller Enttäuschung hier auf unserer Seite bleibt zu bedenken, dass Pläne nun einmal fehlschlagen können, und dass es schlimmeres gibt als ein paar abgesagte Vortragstermine. Für Elizabeth ist es viel schlimmer, denn für sie war die Reise nach Europa eine einmalige Gelegenheit, von der sie ihr ganzes Leben bisher bestenfalls träumen konnte. Auch sie ist maßlos enttäuscht. Aber sie muss die aktuellen Probleme jetzt lösen. Sie hat keinen Moment lang mit der Entscheidung gezögert, dass das Vorrang hat.

Was ist vorgefallen?

Die Schulaufsichtsbehörde hat Elizabeth den Zugang zum elektronischen Registrierungssystem für die Schülerinnen und Schüler gesperrt.

Dieses Registrierungssystem ist eine zentrale Datenbank, in der seit 2011 alle schulpflichtigen Kinder Perús mit ihren persönlichen Daten während ihrer ganzen Schullaufbahn verwaltet werden. Die Direktorinnen und Direktoren aller staatlichen wie privaten Schulen müssen in diesem System die schulischen Abschlüsse aller Schulkinder dokumentieren und sie zu Schuljahresbeginn und -ende in der Schule an- oder ggf. abmelden.

Das heißt, die über 500 Kinder in unserer Schule sind derzeit nicht ordentlich bei einer Schule angemeldet, womit sie auf dem Papier gegen die Schulpflicht verstoßen und was spätestens dann zu einem Problem wird, wenn sie – aus welchem Grund auch immer – die Schule wechseln wollen oder müssen.

Das Hauptproblem, wegen dessen Elizabeth nun nicht nach Deutschland gereist ist, sind (bzw. haben) jetzt die etwa 45 Kinder, die unsere Schule mit Ende des letzten Schuljahres verlassen haben, weil sie die sechste Klasse abgeschlossen haben und jetzt in eine Sekundarschule gehen müssen. Diese Kinder können wegen der Sperrung des Systems nicht offiziell von unserer Schule abgemeldet werden und es kann nicht im System vermerkt werden, dass sie die Primarschule erfolgreich abgeschlossen haben. Infolgedessen können sie nicht offiziell in eine andere Schule eingeschrieben werden, was im Extremfall zur Folge haben kann, dass sie – trotz Schulpflicht – nicht mehr in die Schule gehen können, so absurd das klingt.

Aktuell sind zwar alle unsere Absolventinnen und Absolventen in weiterführenden (staatlichen oder privaten) Schulen untergekommen, aber alle nur provisorisch. Das bedeutet, dass sie aktuell keine offiziellen Leistungsnachweise erwerben können und dass sie von den Direktorinnen und Direktoren der Schulen, an denen sie jetzt sozusagen als geduldete Gastschülerinnen und Gastschüler lernen, jederzeit vom Unterricht ausgeschlossen werden können. Je länger dieser Zustand andauert, desto prekärer wird diese Situation.

Damit die Kinder überhaupt in die weiterführenden Schulen aufgenommen wurden, musste Elizabeth persönlich bei den verschiedenen Schulen vorsprechen und den Direktorinnen und Direktoren die Situation erklären und ihnen versichern, dass das Problem schon bald gelöst sein würde. Sie stieß dabei auf viel Verständnis, denn Probleme mit der Schulaufsichtsbehörde kennen alle Schulen. Zugleich müssen die Direktorinnen und Direktoren aber ihrerseits Sanktionen durch die Schulaufsichtsbehörde befürchten, wenn sie Kinder ohne reguläre Einschreibung in ihrer Schule haben (und im Falle der Privatschulen natürlich auch Schulgebühren für sie kassieren). Deshalb muss Elizabeth nun immer öfter aufs Neue zu den verschiedenen Schulen fahren und die Direktorinnen und Direktoren bitten, sich weiter zu gedulden, bis ihr die Schulaufsichtsbehörde den Zugang zum Registrierungssystem wieder freischaltet.

Für die betroffenen Kinder selbst ist die Situation auch sehr unangenehm. Sie bekommen in ihrer neuen Schule zu hören, dass sie nicht richtig dazugehören, und werden diskriminiert. Natürlich sind auch die Eltern dieser Kinder nervös und fordern – durchaus verständlicherweise – von Elizabeth, dass sie als Direktorin ihre Kinder ordnungsgemäß abmeldet, damit sie in ihren neuen Schulen ordnungsgemäß angemeldet werden können.

Solange dieses Problem nicht gelöst ist, kann Elizabeth unmöglich verreisen. Sie würde damit unsere Absolventinnen und Absolventen ihrem Schicksal überlassen und sich dem Verdacht aussetzen, sie sei vor der Situation geflohen und habe sich ins Ausland abgesetzt. (Tatsächlich gab es schon solche Gerüchte, als sie kürzlich wegen Behördengängen einen ganzen Tag lang nicht in der Schule gesehen wurde.)

Aufgrund früherer Erfahrungen mit der Schulaufsichtsbehörde sind Elizabeth und ich bis vor wenigen Tagen davon ausgegangen, dass sich das Problem lösen lassen und Elizabeth würde reisen können. Immerhin konnte Elizabeth das Registrierungssystem seit seiner Einführung 2011 immer problemlos nutzen, trotz der bekannten Probleme. Leider haben wir uns geirrt.

Wie ist es dazu gekommen?

Das eigentliche Problem ist nicht neu, sondern schon viele Jahre alt. Bekanntlich mussten wir 2006 den damaligen Leiter der Arbeit in Perú, Telmo Casternoque, von seinen Aufgaben entbinden, nachdem er uns faktisch die Zusammenarbeit gekündigt und nachweislich in großem Umfang Spendengeld unterschlagen hatte.

Es gelang damals aber nicht, bei allen für die Schule auf die eine oder andere Art zuständigen Behörden die Eintragungen auf die neue Leitung der Schule umschreiben zu lassen. Bis heute ist in den Unterlagen der Schulaufsichtsbehörde Telmo Casternoque bzw. der von ihm gegründete peruanische Verein "El Buen Samaritano del Perú" als Inhaber und Geschäftsführer der Schule eingetragen.

Im ► 58. Rundbrief auf den Seiten 31 bis 33 haben wir diesen Sachverhalt zuletzt ausführlich geschildert.

Seit rund zwölf Jahren funktioniert unsere Schule nun also schon ohne formelle Betriebserlaubnis, bzw. auf der Grundlage einer Betriebserlaubnis, die auf jemanden ausgestellt ist, der die Schule gar nicht betreibt. Für Elizabeth persönlich ist das sehr unangenehm und beschwerlich. Immer wieder gerät sie in Situationen, in denen sie die Sachverhalte erklären und dokumentieren muss, und die fehlende behördliche Anerkennung als Schuldirektorin bereitet ihr ständig Schwierigkeiten, namentlich bei der Interaktion mit Behörden.

Deshalb kämpft sie seither an vielen verschiedenen Fronten darum, dass die Behörden die Betriebserlaubnis auf den gemeinnützigen peruanischen Verein El Niño Jesús übertragen. (Dieser Verein wurde von Elizabeth gemeinsam mit Dr. Ulrike Sallandt als juristischer Träger der Schule gegründet, siehe auch hierzu ► 58. Rundbrief, S. 31.) Bis heute waren Elizabeths Mühen leider erfolglos.

Auf der anderen Seite hat sich die Situation im Laufe der Jahre immer weiter stabilisiert und verfestigt, und die eigentliche Arbeit der Schule wurde nicht beeinträchtigt. Ganz im Gegenteil, wie in den Rundbriefen der letzten Jahre nachzulesen ist, hat sich die Schule prächtig entwickelt und sie funktioniert heute in organisatorischer, wirtschaftlicher und pädagogischer Hinsicht erfolgreicher als je zuvor. Und trotz aller Unannehmlichkeiten, die die administrativen Probleme vor allem für Elizabeth bedeuten, war der Zustand nach all den Jahren zu einer Art Normalität geworden. Das, worauf es letztlich ankommt, funktionierte ja.

Es ist in all den Jahren das erste Mal, dass sich die administrativen Probleme der Schule unmittelbar auf unsere Schulkinder auswirken.

Probleme mit der Schulaufsichtsbehörde gab es über die Jahre hin indes immer wieder. Unzählige Male hat Elizabeth mit oder ohne anwaltliche Unterstützung schon beantragt, dass die Betriebserlaubnis endlich umgeschrieben und somit den schon seit so vielen Jahren bestehenden Tatsachen Rechnung getragen werde. Unzählige Male wurden von der Behörde schon alle möglichen Nachweise gefordert und von Elizabeth vorgelegt. Mehrere Male waren Vertreter der Behörde in der Schule, um sich davon zu überzeugen, dass die Schule ordnungsgemäß geführt und betrieben wird, und jedes Mal war das Ergebnis positiv, Elizabeth wurde für ihre hervorragende Arbeit gelobt und eine baldige Lösung der administrativen Probleme in Aussicht gestellt. Schon oft wähnte sich Elizabeth beinah am Ziel – und jedes Mal kam es dann doch wieder anders.

Mehr als einmal ist es schon vorgekommen, dass das Personal der Schulaufsichtsbehörde von einem Tag auf den anderen ausgetauscht wurde. Für Elizabeth bedeutet das jedes Mal "Zurück auf Los", wieder neuen Leuten alles erklären, dokumentieren usw. Solche plötzlichen Personalwechsel stehen meist im Zusammenhang mit Änderungen in der großen Politik. Neue Machtverhältnisse machen es jeweils erforderlich, dass andere Parteigänger Pöstchen erhalten. Nepotismus und Korruption sind in Perú (wie in vielen anderen Ländern) sehr verbreitet. Erst vor wenigen Tagen ist der Präsident gestürzt worden. Wie alle seine Vorgänger seit den achtziger Jahren soll er wegen Korruption angeklagt werden. (Die Presse berichtete.) Es ist also zu erwarten, dass es bald wieder neues Personal gibt.

Warum gerade jetzt?

Wir wissen nicht, warum das Problem gerade jetzt, ausgerechnet zum Zeitpunkt der geplanten Reise, in dieser Weise eskaliert.

Aus Telmo Casternoques Umfeld scheint der Impuls dieses Mal nicht gekommen zu sein. Es gibt seinen Verein "El Buen Samaritano del Perú" zwar noch, aber Telmo Casternoque selbst scheint dort nicht mehr viel zu sagen zu haben und möglicherweise hat er inzwischen auch resigniert.

Eher sieht es so aus, dass sich ein neuer Abteilungsleiter in der Schulaufsichtsbehörde als besonders hart und konsequent profilieren möchte: Die Schule hat keine reguläre Betriebserlaubnis, die Direktorin ist nicht offiziell als Direktorin anerkannt, also wird ihr der Zugang zum Registrierungssystem gesperrt. Dass hierdurch letztlich Kinder daran gehindert werden können, ihrer Schulpflicht nachzukommen, spielt dabei offenbar überhaupt keine Rolle, was schon bizarr ist, wenn man bedenkt, dass es ja gerade eine der Aufgaben der Schulaufsichtsbehörde ist, über die Befolgung der Schulpflicht zu wachen.

Was dieser neue Abteilungsleiter letztlich erreichen möchte, wissen wir nicht. Durch die Maßnahme der Sperrung des Zugangs zum Registrierungssystem soll offenbar Druck auf Elizabeth bzw. unsere Schule ausgeübt werden. Vielleicht wird erwartet, dass Schmiergeldzahlungen angeboten werden? Schließlich ist eine Privatschule mit 500 Kindern ein einträgliches Geschäft (wenn normale Schulgebühren kassiert werden), und Unterstützung aus Deutschland gibt es auch noch, also muss es Geld in Hülle und Fülle geben. (Dass dem nicht so ist, legen unsere ► Finanzberichte offen.) In der Vergangenheit wurde Elizabeth schon mehrfach signalisiert, dass den administrativen Problemen gegen eine Geldzahlung abgeholfen werden könnte. Einmal wurde auch ein Betrag von mehreren tausend Euro genannt.

Nun sind diese Behördenprobleme ein wirklich großes und störendes Ärgernis, und das Wohl unserer Schulkinder muss unsere allerhöchste Priorität haben, aber Schmiergeld zu zahlen kommt unter keinen Umständen in Frage.

  • Wir würden dadurch ein verabscheuungswürdiges korruptes System unterstützen.
  • Wir hätten das Risiko, das man bei jeder Bestechung hat: Wenn der beabsichtigte Effekt ausbleibt, stehen einem keine Rechtsmittel zu Gebote.
  • Wir müssten damit rechnen, dass die Schulaufsichtsbehörde bald darauf wieder etwas zu bemängeln findet, vielleicht die zu kleinen Klassenzimmer oder sonst irgendeinen Sachverhalt, den sie als Regelverstoß werten kann, um dann erneut auf eine Schmiergeldzahlung zu warten.

Und schließlich wäre es einfach zu abwegig, wenn wir als ausländische gemeinnützige Organisation an peruanische Behördenvertreter dafür Schmiergeld bezahlen würden, dass wir armen peruanischen Kindern helfen dürfen. Nein, das wäre wahrlich schwer zu vermitteln.

Was können wir tun?

Die Schulaufsichtsbehörde will Druck ausüben (wenn wir auch, wie gesagt, eigentlich nicht genau wissen, was sie mit diesem Druck erreichen will) und sie hat sich sogar mit einer E-Mail an mich gewandt, in der ich aufgefordert wurde, angesichts der juristischen Probleme der Schule "die notwendigen Schritte zu unternehmen". Ich schrieb zurück und stellte klar, dass wir von der Situation Kenntnis haben und Elizabeth unsere Unterstützung hat. Ich erklärte außerdem, dass wir unbedingt sofort alle möglichen Schritte unternehmen würden, wenn wir nur wüssten, was für Schritte das sein sollten, und ich bat die Behörde darum, uns mitzuteilen, was denn zu tun sei, um den Problemen endlich und dauerhaft abzuhelfen.

Zurück kam der Vorschlag, wir sollten uns mit der anderen Einrichtung, dem peruanischen Verein "El Buen Samaritano del Perú" einigen. Ich schrieb zurück und erläuterte, dass und warum wir uns nach nunmehr zwölfjähriger Erfahrung von diesem Lösungsansatz nicht viel versprechen können.

Elizabeth gegenüber äußerten sich Beamte der Schulaufsichtsbehörde immerhin respektvoll, da sie offenbar die volle Unterstützung und das volle Vertrauen ihrer deutschen Förderorganisation habe.

Darüber, ob es etwas bringen würde, wenn ich nach Perú reisen und dort das Gespräch mit den Behörden oder vielleicht gleich mit dem Ministerium suchen würde, mag man zu unterschiedliche Einschätzungen kommen. Auf die Schnelle könnte ich so eine Reise aus beruflichen Gründen kaum realisieren, und meine eigene Einschätzung ist, dass ich wohl nicht allzu viel erreichen würde, schon allein deshalb, weil El Buen Samaritano e.V. zwar eine sicher ehrenwerte aber doch sehr kleine und wenig bedeutende Organisation ist.

Leider bleibt mir und wohl uns allen unter diesen Umständen nichts anderes übrig, als abzuwarten und der Dinge zu harren, was allerdings kein sehr gutes Gefühl ist.

Was kann Elizabeth tun?

Elizabeth bemüht sich an allen möglichen Fronten um eine Lösung:

  • Sie bleibt im Gespräch mit der Schulaufsichtsbehörde, erläutert die Situation, legt geduldig Nachweise und Dokumente vor, die gefordert werden.
  • Sie hat sich um einen persönlichen Zugang zu jenem strikten Abteilungsleiter bemüht, indem sie ehemalige Kollegen, einen ehemaligen Chef und sogar seine Schwester ausfindig gemacht und mit allen persönlich gesprochen hat. Leider wurde ihr von allen beschieden, dass sie sich außerstande sehen, auf diesen Herrn einzuwirken.
  • Sie hat vor Gericht eine einstweilige Verfügung beantragt, die sie mit den unveräußerlichen Rechten der Kinder begründet hat. Wegen eines Streiks im Justizwesen ist ihr Antrag bislang nicht bearbeitet worden.
  • Sie hat das Gespräch zu Telmo Casternoque und zu den gesetzlichen Vertretern seines Vereins "El Buen Samaritano del Perú" gesucht und tatsächlich sowohl mit Telmo Casternoque wie auch mit der Vorsitzenden des Vereins und dem von diesem Verein gegenüber der Schulaufsichtsbehörde pro forma als Direktor benannten Herrn persönlich gesprochen. Das Ergebnis war ernüchternd und ließ schnell erkennen, dass zumindest eine rasche Lösung nicht erzielbar sein würde, auch nicht für das aktuell brennende Problem der 45 Kinder, dem gegenüber sich diese Gesprächspartnerinnen und -partner vollkommen gleichgültig zeigten. Offenbar bleibt dieser Verein seinem Daseinszweck, zu versuchen sich die Schule anzueignen, treu, was auch zu erwarten war.
  • Sie hat die Eltern der betroffenen Kinder dazu veranlasst, eine Petition mit allen Unterschriften an die Schulaufsichtsbehörde zu richten. Die Schulaufsichtsbehörde hat diese Petition angenommen und zugesagt, schon bald darüber zu befinden.
  • Am kommenden Montag (2. April 2018), der in Perú kein Feiertag ist, findet eine Elternversammlung mit allen Eltern statt. Hier wird es Elizabeths Aufgabe sein, den Eltern die Situation richtig zu erklären, damit sie verstehen, dass Elizabeth an der Situation nicht schuld ist und es vor allem nicht selbst in der Hand hat, ihr abzuhelfen. Viele Eltern haben das längst verstanden und sie werden bei der Versammlung fordern, dass alle gemeinsam zur Schulaufsichtsbehörde ziehen und dort ihrer so berechtigten Forderung lautstark Ausdruck verleihen.

Ein solcher Aufmarsch, zu dem die Presse und Fernsehkanäle eingeladen würden, ist in der Tat ein weiteres Mittel, das ergriffen werden kann und das sicher auch Wirkung zeigen würde. Jedoch ist nicht leicht vorauszusagen, was für eine Wirkung das wäre, wie auch der Verlauf so einer Aktion schwer planbar und steuerbar ist. Elizabeth ist deshalb sehr vorsichtig und würde zu diesem Mittel sicher erst dann greifen wollen, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Letztlich will und muss sie ja mit der Behörde im Gespräch bleiben und auch auf lange Sicht mit ihr zusammenarbeiten.

Wie geht es weiter?

Meine Einschätzung aus sehr vielen Telefonaten mit Elizabeth in den letzten Tagen (und Nächten) ist, dass sie es richtig macht. Und meine Prognose ist, dass das akute Problem des Zugriffs auf das Registrierungssystem in nicht allzu ferner Zukunft gelöst werden wird, denn den Mut, über 500 Kinder in ihrem Recht auf Bildung zu beeinträchtigen, wird in letzter Konsequenz denn doch niemand aufbringen.

Das eigentlich zugrundeliegende Problem wird jedoch möglicherweise fortbestehen, und wir werden uns bei der Mitgliederversammlung fragen müssen, wie wir damit umgehen wollen. Elizabeth erneut einzuladen würde prinzipiell das Risiko mit sich bringen, dass sie wieder wegen aus diesem Problem resultierenden Schwierigkeiten nicht reisen könnte, auch wenn ein solches Problem nun in all den Jahren bisher nur dieses eine Mal aufgetreten ist. Und Gründe, wegen derer eine Reise scheitert, können gewiss vielfältiger Art sein.

Noch einmal möchte ich allen, die sich mit so viel Engagement und Mühe für Elizabeths Reise eingesetzt haben, von ganzem Herzen danken!

München, den 29. März 2018
Holger von Rauch


Fortsetzung (vom 26. April 2018)

In den letzten Wochen seit der Absage von Elizabeths Reise haben sich die Ereignisse in Perú förmlich überschlagen. Hier will ich versuchen, die Vorgänge und die aktuelle Situation zu schildern.

Vorweg: Die Lektüre ist keine leichte Kost, einiges ist sehr unschön und vieles einfach unsäglich und grotesk. Aber wir haben uns nun einmal Transparenz auf die Fahnen geschrieben, deshalb kommen wir nicht darum herum, mitzuteilen, was wirklich geschieht, und wir können uns nicht dem alten Marketing-Prinzip folgend auf immer nur positive Botschaften beschränken. Und die Arbeit von El Buen Samaritano e.V. findet nun einmal nicht irgendwo in Deutschland statt, sondern in einem peruanischen Armutsgebiet, und da ist vieles anders.

Eine kurze Bemerkung zu Elizabeths nicht angetretener Reise: Der Verlust beträgt 432,03 Euro, da trotz der späten Stornierung 540,62 Euro von den Flugkosten zurückerstattet wurden.

Am 29. März stellte ich unter anderem die Fragen "Was können wir tun?", "Was kann Elizabeth tun?" und "Wie geht es weiter?"

Zur ersten Frage bleibt meine Einschätzung etwa gleich: Wir können nicht viel tun. Meine Briefe an die Schulaufsichtsbehörde haben nichts oder zumindest wenig bewirkt. Die Beamten dort haben zwar wohl ein bisschen besser verstanden, um was für eine Art von Organisation es sich bei El Buen Samaritano e.V. handelt, aber Auswirkungen auf ihr Tun hatte das nicht. Ich schrieb auch einen Brief an alle Eltern der Schule, in dem ich die Geschichte von El Buen Samaritano e.V. zusammenfasste und die Eltern aufforderte, Elizabeth gegenüber der Schulaufsichtsbehörde zu unterstützen. Elizabeth verlas den recht ausführlichen Brief bei der Elternversammlung am 2. April und verteilte Fotokopien an alle, die sie haben wollten. (Bei dieser Versammlung wurde auch beschlossen, am darauf folgenden Freitag, dem 6. April, zur Schulaufsichtsbehörde zu marschieren und die Öffnung des Registrierungssystems zu fordern.)

Die zweite Frage, was Elizabeth tun kann, ist das große Thema. Alles hängt derzeit von ihr ab. Es liegt eine ungeheure Last auf ihr, und es ist bemerkenswert, wie gut sie das alles bisher durchsteht.

Zur dritten Frage, wie es weitergeht, muss ich feststellen, dass meine Prognose falsch war, denn eine schnelle Lösung für das Problem des Zugriffs auf das Registrierungssystem gab es nicht.

Eine gute Nachricht ist jedoch, dass das Problem mit dem Registrierungssystem jetzt für dieses Jahr (aber bisher nur für dieses Jahr) gelöst ist und sich Lösungsmöglichkeiten auch für das Hauptproblem abzeichnen. Was wohl feststehen dürfte ist, dass es nach diesem Jahr nicht ohne eine ordnungsgemäße Betriebserlaubnis weitergehen wird.

Gleichwohl hat sich die Situation einstweilen massiv verschärft, und zwar vor allem deshalb, weil der frühere Leiter unserer Arbeit (bis 2006), Telmo Casternoque, und sein peruanischer Verein "El Buen Samaritano del Perú" wieder aktiv geworden sind.

Wir wissen nicht, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den Aktivitäten dieser Leute und dem veränderten Verhalten der Behörden. Fest steht nur, dass sie nun, nach 12 Jahren, doch wieder eine Chance sahen, sich die Schule anzueignen.

So fand am 4. April in einem Restaurant in einigen Kilometern Entfernung eine von Telmo Casternoque einberufene Versammlung statt, bei der einige Eltern und der von "El Buen Samaritano del Perú" formell eingesetzte Direktor anwesend waren. Von dieser Versammlung, die fast drei Stunden dauerte, gibt es eine Tonaufnahme, die eine anwesende Mutter mit ihrem Handy gemacht hat und die mir vorliegt. Die Aufnahmequalität ist nicht gut, sodass ich nur ca. 10% des Gesprochenen verstehen kann, aber es genügt, um einen deutlichen Eindruck zu gewinnen. Insbesondere werden Elizabeth und ich (und einige der Lehrerinnen) bei dieser Versammlung heftig persönlich diffamiert. Von mir heißt es unter anderem, ich sei Kommunist und drogenabhängig. Elizabeth wiederum habe sich bereichert und unterschlage das für die Kinder bestimmte Geld. (Leider findet sich immer jemand, der so etwas glaubt, dabei ist es leicht, nachzurechnen, dass sich die Schule mit 60 Soles [ca. 17,50 Euro] Monatsgebühr nicht tragen, geschweige denn Gewinne erwirtschaften kann.)

Auf dieser Aufnahme wird behauptet, Telmo Casternoque habe bei seinen Deutschlandaufenthalten Tag und Nacht hart gearbeitet und über 200.000 Euro verdient und "el gringo" (also ich) habe ihm das ganze Geld weggenommen. Das Geld, das heute aus Deutschland kommt, sei daher eigentlich sein Geld.

Den anwesenden Eltern wird versprochen, dass die Schulgebühren sofort nach Übernahme der Schule auf 30 Soles gesenkt würden (dabei war Telmo Casternoque schon 2005 bei 65 Soles angekommen, was mit uns nicht abgesprochen war – aber daran erinnern sich natürlich nicht mehr viele). Dass eine solche Beitragssenkung erhebliche monatliche Unterstützungsleistungen von außen voraussetzen würde, wäre auch wieder leicht auszurechnen, trotzdem wird kaum nachgefragt, und die Zuhörerinnen und Zuhörer geben sich mit einer vagen Ankündigung von irgendwelchen Hilfsgeldern aus Italien zufrieden.

Es ist zu auch hören, wie der Pseudoschuldirektor den Eltern Angst macht und behauptet, die Schulabschlüsse aller Kinder, die in den letzten zwölf Jahren die Schule verlassen haben, seien wertlos und ungültig. Eine Mutter wendet ein, ihr Sohn habe die Schule 2010 verlassen und nie Probleme gehabt und studiere jetzt an der Universität.

Die Aufnahme endet damit, dass der Wirt die ganze Gruppe, die viel Geräusch gemacht aber nichts zu Essen bestellt hatte, aus dem Lokal wirft.

Diese Art der Agitation bleibt nicht ohne Wirkung. Die Menschen im Armutsgebiet sind ebenso empfänglich für leere Versprechungen wie für böse Gerüchte, hier gepaart mit Missgunst gegenüber der Nachbarin Elizabeth, die solch einen beruflichen Erfolg erzielt hat. Die Denkweise, wer unten ist, soll auch unten bleiben, hält sich offenbar gerade unter denen besonders hartnäckig, die selbst zu den Benachteiligten gehören. Wie gut die Schule in den letzten Jahren geführt wurde und wie gut sie funktioniert hat, ist da schnell vergessen.

Verständlich ist und erwartbar war, dass besonders die Eltern der Kinder, die in eine andere Schule gewechselt haben, wegen der blockierten Zertifizierung ungeduldig werden würden, denn dieser Umstand bereitete diesen Kindern tatsächlich große Probleme.

Der Marsch zur Schulaufsichtsbehörde fand am 6. April statt. Ein Großteil der Eltern (mehrere Hundert) hatte die Teilnahme angekündigt und sie hatten sich im Vorfeld darauf verständigt, auf jeden Fall nicht beleidigend oder gewalttätig zu werden, sondern als ernsthaft besorgte Familienväter und -mütter aufzutreten. Plakate und Schilder wurden vorbereitet, das Fernsehen und die Presse eingeladen. Wie so oft lief es dann aber doch ein bisschen anders ab. Viele der Eltern kamen mit kleinen Kindern zum Treffpunkt vor der Schule. Sie wurden aufgefordert, zuhause zu bleiben, damit die Kinder nicht in Gefahr kommen. Auf dem Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schulaufsichtsbehörde verloren sich dann noch diverse weitere Eltern, sodass am Ende nur etwa 200 Personen vor der Behörde standen und in Abwandlung eines chilenischen Revolutionslieds skandierten: "¡Los padres unidos jamás serán vencidos!" [Die vereinten Eltern werden niemals besiegt!]. Die Presse und das Fernsehen hatten ihr Kommen zwar zugesagt, erschienen aber nicht, so ist das Ganze nur durch ein paar Handyvideos dokumentiert. Zehn Elternteile wurden schließlich eingelassen und konnten zwar nicht mit der Behördenchefin sprechen, dafür aber immerhin mit dem Abteilungsleiter, der die Sperrung des Registrierungssystems angeordnet hatte. Dieser versuchte nun, die Schuld auf Elizabeth zu schieben, woraufhin sie von manchen der Eltern verteidigt wurde, die erklärten, dass die Schule wirklich gut funktioniert und tatsächlich als soziales Projekt arbeitet. Obwohl man diesem Abteilungsleiter schon oft gesagt hat, dass die Monatsgebühr nur 60 Soles beträgt, ging ihm offenbar im Gespräch mit den Eltern erstmals auf, dass das enorm günstig ist, zumal wenn auch noch ein Frühstück ausgegeben wird.

Messbare Auswirkungen hatte die ganze Aktion aber leider nicht.

In der darauf folgenden Woche schaltete sich überraschend das Bildungsministerium ein und kündigte Elizabeth telefonisch an, anzuordnen, dass das Registrierungssystem umgehend geöffnet wird, und zwar mit der Begründung, die wir auch immer anbringen, dass nämlich die Kinder in der Fortsetzung ihrer Schulbildung bedroht sind. Diese Initiative verlief sich aber wohl im internen Kompetenzgerangel der Behörden und hatte jedenfalls auch keine Auswirkungen.

Der Druck auf Elizabeth wuchs unterdessen immer weiter. Einige Eltern beschimpften sie als Betrügerin, drohten ihr persönlich. Am Morgen vor dem Marsch zur Schulaufsichtsbehörde erhielt sie einen anonymen Anruf, in dem man ihr sagte, man werde sie umbringen, wenn sie an dem Marsch teilnehme. Sie nahm trotzdem teil.

Schließlich fand sie einen Weg, zumindest für die Kinder, die in die Sekundarschule gewechselt haben, den Primarschulabschluss zu zertifizieren, und zwar über einen Interessenverband privater Schulen, zu dem sich große, wirtschaftlich starke Privatschulen zusammengeschlossen haben. Auch die haben mitunter ähnliche Probleme mit den Behörden und haben deshalb mit dem Bildungsministerium eine Übereinkunft, nach der dieser Interessenverband in bestimmten Fällen Kinder stellvertretend für eine Schule zertifizieren kann (eine sehr seltsame Blüte dieses ganzen Bürokratieirrsinns). Diese Dienstleistung kostete Elizabeth knapp 1000 Euro, doch das allerdringlichste Problem war damit gelöst.

Mehr aber auch nicht. Immer mehr Eltern meldeten jetzt ihre Kinder von der Schule ab, verlangten ihre Einschreibegebühr zurück, andere meldeten die Kinder zwar nicht ab, stellten aber die Zahlung ihrer Monatsgebühren ein und weigerten sich, zum Frühstücksdienst zu erscheinen. Seit zwei Wochen gibt es deshalb kein Frühstück mehr.

In dieser überaus angespannten Situation hielt die Gegenseite die Zeit offenbar für gekommen, die Schule zu übernehmen. Zumindest sprach sich herum, dass dies am 11. April geschehen würde. Nach den versuchten Übernahmen in den Jahren 2009 (siehe 52. Rundbrief, S. 4 bis 6, 14. u.a.) und 2010 (siehe 53. Rundbrief, S. 14 bis 27) wäre das der dritte Anlauf. Es wurde das Gerücht gestreut, die Schule falle aus, die meisten Kinder kamen aber trotzdem. Wie 2010 erbat und erhielt Elizabeth Polizeischutz. Vielleicht waren es die Uniformen (und die Erinnerung an 2010), die bewirkten, dass an diesem Tag dann doch nichts geschah.

Auch in den folgenden Tagen blieb es ruhig. Es wurde bekannt, dass die Schulabgänger inzwischen alle regulär in ihren neuen Schulen eingeschrieben waren; der Schulbetrieb lief (abgesehen vom Frühstück) normal. Insgesamt schien sich die Situation allmählich etwas zu beruhigen, auch wenn das eigentliche Problem, die Betriebserlaubnis, und das Problem des Zugriffs auf das Registrierungssystem weiterhin nicht gelöst waren.

Am 19. April ging Elizabeth beim Polizeikommissariat vorbei und traf dort zu ihrer Überraschung mehrere Vertreter des peruanischen Vereins "El Buen Samaritano del Perú" an, die mit Polizisten diskutierten und mit Papieren wedelten. Auf diese Weise erfuhr sie, dass die Gegenseite nun beabsichtigte, die Schule am 20. April in Besitz zu nehmen und dieses Mal selbst mit Polizeibeamten anzurücken.

Elizabeth fuhr daraufhin direkt zur Staatsanwaltschaft und zur Schulaufsichtsbehörde und forderte alle auf, am nächsten Tag in die Schule zu kommen. Dann sagte sie alle Auswärtstermine ab, um den ganzen Tag in der Schule sein zu können, und bat die Pastorin ihrer Kirchengemeinde, Andrea Hartel aus Deutschland (von ihr war schon in manchen Rundbriefen die Rede), am nächsten Tag in die Schule zu kommen. Außerdem forderte sie wieder Polizeischutz, diesmal von einer Spezialeinheit zur Verbrechensverhütung an.

Meine folgenden Schilderungen basieren auf dem telefonischen Bericht Elizabeths, auf einigen E-Mails der Lehrerin Susana und auf einem Telefonat mit der Pastorin Andrea Hartel.

Wieder war das Gerücht gestreut worden, die Schule falle aus, und wieder waren die meisten Kinder trotzdem gekommen.

Am späten Vormittag erschienen die Vorsitzende des peruanischen Vereins "El Buen Samaritano del Perú", die von Beruf Hilfslehrerin an einer staatlichen Schule ist, der von diesem Verein formell eingesetzte Direktor, diverse weitere Mitglieder dieses Vereins, einige Pressevertreter, eine Rechtsanwältin und einige Polizeibeamte vor der Schule. Telmo Casternoque selbst war nicht dabei. Bis heute darf er sich wegen einer Bewährungsauflage der Schule nicht nähern.

Das Ziel dieser Gruppe war, Elizabeth aus der Schule zu jagen, an ihrer Stelle den mitgebrachten Direktor ins Direktionszimmer zu setzen und sich sodann für alle sichtbar als die neuen Hausherren zu präsentieren.

Schnell wuchs die Menschenmenge vor der Schule auf sicher hundert an, darunter viele Unterstützer der Gruppe, teils mit Transparenten, aber auch Eltern, die zu Elizabeth halten, und einige Schaulustige. Die Stimmung war aufgeladen, und ohne die Präsenz der Polizei (um die zehn Uniformierte waren zeitweise da) wäre es möglicherweise zu Gewaltausbrüchen gekommen.

In der Schule fand währenddessen normaler Unterricht statt. Wie so ein bedrohlicher Aufmarsch auf die Schulkinder wirken muss, war den Angreifern anscheinend herzlich gleichgültig. Im Direktionszimmer waren Elizabeth, eine Beamte der Schulaufsichtsbehörde und die Pastorin Andrea Hartel. Sie verfolgte die Vorgänge in der Schule und zeitweise auch außen, wo sie mit beiden Seiten sprach.

Elizabeth stellte sich in die Tür, verwies auf ihr Hausrecht und untersagte den Zugang allen außer einem der Polizeibeamten, die mit der Gruppe gekommen waren. Ihn lud sie ein, sich ein Bild von den Gegebenheiten in der Schule zu machen. Dem Polizisten war offenbar nicht recht wohl bei der Sache und er erklärte gleich, er sei überhaupt nur gekommen, um Sachverhalte festzustellen und nicht etwa, um irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. In der Schule sah er sich um und ließ sich Elizabeths Sicht der Dinge erklären. Danach trat er hinaus und sagte den Wartenden, es gebe keine Handhabe und keine Notwendigkeit, hier einzugreifen, woraufhin er beschimpft und beschuldigt wurde, er habe sich von Elizabeth bestechen lassen.

Da traf die Staatsanwältin ein. Sie hörte den Bericht des Polizeibeamten, nahm ebenfalls die Schule in Augenschein und sprach mit Elizabeth, der Vorsitzenden, dem Pseudodirektor und der Anwältin der Gegenseite. Danach erklärte sie, dass im Interesse der Schulkinder solange nichts am aktuellen Betrieb der Schule geändert werden dürfe, bis ein rechtskräftiges Gerichtsurteil vorliege, und sie kündigte an, jeden sofort verhaften zu lassen, der die Schule unbefugt betrete. Sie ermahnte die Gegenseite, künftig auf derartige Aufmärsche, die Kinder und Lehrerinnen in Gefahr bringen, zu verzichten. Die Schulaufsichtsbehörde verpflichtete sie, den Schulbetrieb bis auf weiteres zu garantieren.

(Nach allem, was wir in diesem Zusammenhang schon erlebt haben, ist es geradezu überraschend, plötzlich so vernünftige Worte zu lesen, nicht wahr?)

Die anwesende Vertreterin der Schulaufsichtsbehörde nahm diese Aussage zur Kenntnis und ließ sich sofort die Unterlagen aller Schulkinder aushändigen. Für den Rest des Schuljahres hat die Schulaufsichtsbehörde nun selbst die Registrierung (Matrikulation, Zertifizierung und Exmatrikulation) für alle Schülerinnen und Schüler unserer Schule übernommen, sodass sichergestellt ist, dass alle dieses Schuljahr regulär abschließen können.

Mit diesem Verlauf hatte die Gegenseite nicht gerechnet, und ihre Unzufriedenheit über dieses Fiasko war deutlich zu sehen und zu hören.

Die Staatsanwältin blieb noch da, bis der Unterricht endete, und wachte persönlich am Schultor darüber, dass alle Kinder unbehelligt den Nachhauseweg antreten konnten.

Am Nachmittag versammelte sich der ganze Lehrkörper zur Beratung. Auch für die Lehrerinnen ist die aktuelle Situation sehr belastend. Auch sie sind täglich den Anwürfen und Bedrohungen mancher Eltern ausgesetzt und machen sich Sorgen um die Zukunft der Institution, bei der sie arbeiten. Unter diesen Umständen ist es bemerkenswert, dass sie – noch – alle zu Elizabeth stehen, und das obwohl die Gegenseite auch für sie schon (gewiss leere) Versprechungen gestreut hat für den Fall, dass sie sie unterstützen.

Als die Lehrerversammlung beendet war, waren keine Behördenvertreter mehr anwesend, die Polizei war abgezogen und auch die Pastorin Andrea Hartel war nach Hause gefahren. Die Menschenmenge hatte sich weitgehend aufgelöst und es war ruhig geworden.

Als Elizabeth gerade dabei war, die Schule abzuschließen, erreichte sie ein Anruf von jemandem, der am nahegelegenen Markt eine größere Gruppe von Menschen beobachtet hatte, die sich jetzt auf den Weg in Richtung Schule machte. Der Anrufer schickte ein Motorradtaxi zur Schule und riet Elizabeth, damit rasch wegzufahren. Als Elizabeth das Motorradtaxi bestieg, trafen diese Leute auch schon ein, offenbar in der Absicht, sie zu verprügeln. Sie versuchten, sie aus der Kabine zu zerren, beschimpften sie, das Motorradtaxi kippte beinah um. Einige Lehrerinnen gingen mutig dazwischen, forderten die Aggressoren auf, abzulassen, Nachbarn kamen hinzu, es kam zu einem regelrechten Tumult. Schließlich konnte das Fahrzeug losfahren. Elizabeth verbrachte den Abend im Haus einer der Lehrerinnen, fuhr spät zurück und ging dann unbehelligt zu Fuß zu Ihrem Haus. Einige der Angreifer hatte sie erkannt. Sie will Strafanzeige erstatten.

Als wir am nächsten Morgen telefonierten, sagte sie mit matter Stimme, man habe da gestern una gran victoria [einen großen Sieg] errungen. Euphorisch klang sie dabei nicht.

Ich telefoniere zur Zeit oft und lang mit Elizabeth und weiß daher, wie ungeheuer belastend all das für sie ist. Ich denke, nach meinen obigen Schilderungen ist das nachvollziehbar, und es muss niemanden verwundern, dass sie zwischenzeitlich auch schon nahe daran war, zu verzagen und ihre geliebte Berufung, für die sie lebt, aufzugeben. (Ich kenne nicht viele Leute, von denen ich glaube, dass sie so etwas aushalten würden.)

Auf der anderen Seite scheint sich das Blatt ja nun ein bisschen zu wenden, zumindest haben wir bis zum Schuljahresende im Dezember Zeit gewonnen, und die Zeit spielt für uns, denn je länger nun normaler Schulbetrieb stattfindet, ohne dass die Zertifizierungen für die Schulkinder in Gefahr sind, desto schwieriger wird es die Gegenseite mit Argumenten haben, zudem sich hoffentlich allenthalben herumspricht, was sich letzten Freitag abgespielt hat. Auch das Strafverfahren, das Elizabeth gegen den peruanischen Verein "El Buen Samaritano del Perú", seine gesetzlichen Vertreter und Telmo Casternoque auf den Weg gebracht hat, könnte unterdessen vorankommen und neue Tatsachen schaffen.

Elizabeth hat einen neuen Anwalt beauftragt, der früher selbst im Bildungsministerium gearbeitet hat und die Strukturen wohl sehr gut kennt. Er macht ihr nun große Hoffnungen, dass die Umschreibung der vorhandenen Betriebserlaubnis auf El Niño Jesús und damit die offizielle Anerkennung Elizabeths als Direktorin sehr wohl erreichbar sein müsse. Allerdings ist das ja genau das, was wir seit nunmehr zwölf Jahren vergeblich zu erreichen versucht haben. Dass das die folgerichtigst denkbare Maßnahme wäre, steht indes außer Zweifel, denn es ist ja schlicht eine Tatsache, dass die Schule seit all diesen Jahren durch Elizabeth geleitet und betrieben wird.

Wenn die Umschreibung der Betriebserlaubnis nicht erfolgt, wäre eine zweite Möglichkeit, dass eine ganz neue Betriebserlaubnis beantragt wird. Auch das hat Elizabeth schon versucht, aber auch hier macht ihr der neue Anwalt Hoffnungen.

Eine dritte Möglichkeit bestünde dann noch darin, eine Betriebserlaubnis von einer anderen Schule abzukaufen. Das geht tatsächlich, und es ist (merkwürdigerweise) auch legal. Elizabeth hat sogar kürzlich schon mit einer Dame verhandelt, die eine gewerblich ausgerichtete Schule in einem anderen Teil von San Juan de Lurigancho betrieben hat, Konkurs gegangen ist und nun durch den Verkauf der Betriebserlaubnis ihre Verluste wieder wettmachen möchte. Diese Variante ist freilich sehr unschön und wahrhaftig auch eine bizarre Blüte dieser Bürokratie. Außerdem würde so ein Geschäft viel Geld kosten. Der Kauf der hier angebotenen Betriebserlaubnis würde mit gut 7000 Euro zu Buche schlagen.

Hier endet mein aktueller Lagebericht, denn mehr weiß ich nicht, und vieles ist weiterhin in der Schwebe. Ich hoffe sehr, bei der Mitgliederversammlung mehr über die nächsten Maßnahmen und Perspektiven sagen zu können, wenngleich kaum zu erwarten ist, dass bis dahin schon klare Verhältnisse geschaffen sein werden.

Und wir hoffen natürlich auf rege Teilnahme bei der Mitgliederversammlung am 19. Mai 2018, 15 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus, Pfarrweg 3, 72147 Nehren! (Das für nach der Mitgliederversammlung angekündigte Benefizkonzert fällt aus. Wir haben dafür aber etwas mehr Zeit für die Versammlung und können auch danach noch zusammensitzen.)

München, den 26. April 2018
Holger von Rauch