EL BUEN SAMARITANO e.V.


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Das Dorfentwicklungsprojekt in Tambo Machay / Cuzco

Bericht von einem Besuch im Januar 1998 von Holger von Rauch (abgedruckt im 30. Rundbrief)

Die historische Hauptstadt des Inkareiches liegt in den Anden auf einer Meereshöhe von über 3.400 Metern (also rund 500 Meter höher als der Gipfel der Zugspitze), gut 1.100 Kilometer südostlich von Lima und hat etwa eine Viertelmillion Einwohner.

Mario Morvelí ist nicht nur evangelischer Missionar, sondern auch Ethnologe und Sozialwissenschaftler, Autor mehrerer wissenschaftlicher Bücher und Dozent an der Universität in Cuzco. Seine Frau Ruth ist gelernte Krankenschwester, derzeit ohne Beschäftigungsverhältnis. Von Marios Gehalt hat die Familie ein bescheidenes Auskommen (mehr aber auch nicht, denn im Bildungswesen ist in Perú nicht viel zu verdienen).

Die Bauerngemeinde Tambo Machay liegt zehn Kilometer von der Stadt entfernt in der Nähe der gleichnamigen Inkatempelruine. Dort haben Mario und Ruth in den letzten Jahren als El Buen Samaritano gewirkt.

Im Unterschied zu den Armenvierteln der Großstädte ist eine Bauerngemeinde eine über Generationen gewachsene und in sich geschlossene Gemeinschaft. Das hat für das Leben der Menschen viele augenfällige Vorteile; die feste Bindung und Verwurzelung schafft Sicherheit und Identität. Für jemanden, der dort soziale Entwicklungsarbeit leisten möchte, ist die Aufgabe aber erschwert. Es ist schwerer, den Menschen näherzukommen; allen Veränderungsvorschlägen stehen festgefügte Strukturen gegenüber. Die Ziele der Arbeit müssen behutsam verfolgt werden, damit keine Konflikte geschaffen und bestehendes nicht zerstört wird.

Mario weiß das, denn er stammt selbst aus den Anden und kennt diese Welt von innen. Außerdem gibt ihm sein Beruf alles erforderliche theoretische Handwerkszeug für die Arbeit in der Bauerngemeinde.

Als Mario und Ruth ihre Arbeit in Tambo Machay aufnahmen, sah es dort traurig aus: Die Häuser waren in schlechtem baulichen Zustand, es gab keinen elektrischen Strom, die ganze Wasserversorgung war ein Bächlein, das je nach Jahreszeit bald stärker, bald fast gar nicht durch den Ort rann. Die hygienische Situation war entsprechend schlecht. Auch die spärliche Feldwirtschaft hing von dem einen Bächlein ab, und in niederschlagsärmeren Jahren konnten die Menschen in Tambo Machay trotz des warmen Klimas und der fruchtbaren Böden nicht einmal eine Ernte Kartoffeln einbringen. Durch die Überschwemmungsbewässerung wurde außerdem der Bodenerosion Vorschub geleistet. Die kleinen Wälder in der Umgebung wurden als Quelle für Baumaterial und Brennholz nach und nach abgeholzt; wiederaufgeforstet wurde nur sporadisch und meist mit schnellwachsenden Eukalyptusbäumen, die hier nicht heimisch sind und die Erde auslaugen. Viehhaltung gab es nur rudimentär und planlos; die unterernährten Kinder, um die sich tagsüber niemand kümmerte, spielten dort, wo sich auch die freilaufenden Hühner und Schweine aufhielten. Medizinische Versorgung, auch elementare gab es nicht.

Der campesino, serrano, indio wird von den Stadtmenschen in Perú meist als Mensch zweiter Klasse angesehen und behandelt, man hält sie für dumm und unfähig, etwas auf die Beine zu stellen. Das prägt auch das Bild, das viele der Andenbewohner von sich selbst haben. Die Jahrhunderte der Rechtlosigkeit und der Abhängigkeit von oft geradezu autokratischen Grundbesitzern haben einen verschüchterten Menschentyp mit wenig Selbstvertrauen entstehen lassen.

Tambo Machay wurde nicht wie viele andere Dörfer in den Bergen von seinen Bewohnern verlassen, und zwar deshalb, weil es so nah an der großen Stadt liegt. Viele der Männer wurden zu Pendlern, die sich in der Stadt als billige Arbeitskräfte anboten und oft ebenfalls dort den ärmlichen Lohn gleich wieder in Alkohol umsetzten. Das Dorf entwickelte sich allmählich zu einer Art Vorort von Cuzco, und verwahrloste mehr und mehr.

All diese Dinge erzählte uns nicht Mario, sondern einer der Dorfbewohner, der eloquente und gewandte junge Familienvater Aurelio. Es war gut, daß meine Schwester Andrea dabei war, die diesen Ort vor vier Jahren in der Anfangsphase der Tätigkeit von Mario und Ruth schon einmal besucht und mit eigenen Augen gesehen hatte, was uns Aurelio da schilderte, denn ich hätte sonst vielleicht nicht geglaubt, daß in so kurzer Zeit derart umfangreiche Veränderungen eintreten können.

Mario erläuterte uns seine Auffassung, daß das Haupthindernis für eine Entwicklung eines solchen Dorfes die Einstellung der Menschen sei. Die wichtigste, wenn nicht gar fast die einzige Aufgabe des Helfers sei es daher, Bewußtseinsarbeit zu leisten; den Menschen zu helfen, ihre eigene Situation zu analysieren, Möglichkeiten ihrer Verbesserung zu erkennen und den Willen und die Kraft zu entwickeln, etwas zu tun.

Der erste Schritt, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, ist dabei vielleicht der schwierigste. So begannen Mario und Ruth ihre Arbeit ganz konventionell mit einer Kinderspeisung und dem Angebot kleiner medizinscher Dienste.

Finanzielle Hilfe kam vor allem von der Wilhelm Oberle Stiftung, die einen Einzelhilfefonds zur Verfügung stellte und diverse Entwicklungsprojekte unterstützte.

Marios und Ruths Methode war es zu keiner Zeit, in der Gemeinde geräuschvoll aufzutreten oder Versprechungen zu machen. Mario konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf einige wenige Männer, die in der Gemeinde Ansehen haben, und besprach und plante mit ihnen alle Projekte. Innerhalb der Gemeinde propagierten dann diese Männer die verschiedenen Aktionen, die den anderen Bewohnern damit beinah als Initiative von innen erschienen.

Die bedeutendste und wirkungsvollste Maßnahme war wohl die Wasserversorgung. Angeregt durch Mario und unter seiner Anleitung aus dem Hintergrund stellte die Gemeinde an eine große Entwicklungshilfeorganisation den Antrag auf die Anlage eines Wasserversorgungssystems zur Bewässerung und für Trinkwasser. Das Verfahren war, daß die Organisation die groben Arbeiten übernahm und jede Familie ihren eigenen Wasseranschluß selbst bezahlen mußte. Das Leitungssystem ließ nun Bewässerung durch künstliche Beregnung zu. Die für die entsprechenden Installationen (Sprenger etc.) nötigen Finanzmittel stellte wiederum teilweise die Wilhelm Oberle Stiftung zur Verfügung. Die neue Bewässerungsmethode löste zum einen das Problem der Wasserknappheit und vermeidet zum anderen die durch die Überschwemmungsbewässerung hervorgerufene Bodenerosion. Inzwischen haben die Menschen in Tambo Machay pro Jahr zwei sichere Ernten.

Dieser Fortschritt löste nun einen allgemeinen Aufschwung aus. Die Eifrigeren unter den Bewohnern begannen, mit dem Verkauf ihrer Produkte Gewinne zu erzielen, Konsumbedürfnisse wurden wach, man begann die Segnungen der modernen Technik zu vermissen. Die Anträge und Verfahren für die Elektrifizierung des Dorfes liefen dann schon fast ganz ohne Beteiligung Marios. Heute hat Tambo Machay Strom, und der Tag endet nicht mehr bei Sonnenuntergang. Viele Familien können nun abends bei künstlicher Beleuchtung Handarbeiten machen, die eine weitere Einnahmequelle darstellen.

Auf Anregung von Ruth wurde auch eine kleine kommunale Handarbeitswerkstatt eingerichtet mit einer Strickmaschine, in deren Gebrauch Ruth, die einen großen Teil ihrer Kindheit als billige Arbeitskraft in einer Strickerei verlebt hat, interessierte Bewohner unterweist. Eine Töpferscheibe gibt es dort auch. Einer der Bewohner führte uns humorvoll vor, wie er darauf mit wahrem Taschenspielergeschick einen Lehmklumpen zu den verschiedensten Tellern, Schüsseln, Tassen, Vasen und schließlich wieder zu einem Lehmklumpen werden ließ. Derselbe Mann hat auch den Betrieb des von Ruth aufgebauten kommunalen Verbandskastens übernommen und leistet bei Bedarf Erste Hilfe.

Die Arbeit mit den Kindern wurde ebenfalls institutionalisiert, und in dem Gemeinschaftshaus, wo die Werkstätten und der Verbandskasten sind, findet tagsüber die Vorschule mit einer vom Staat bezahlten Lehrerin statt.

Zunehmend entwickelten sich mit der Zeit auch alle möglichen anderen Sektoren des täglichen Lebens. So waren es wiederum die Familien, auf die Mario seine Bewußtseinsarbeit konzentriert hatte, die sich als erste regelrechte Toiletten bauten. Dann Hühnerställe. In beiden Fällen wirkte der Nachahmungseffekt, und man sieht jetzt im ganzen Dorf Klohäuschen und Hühnerställe. Die Hühnerställe erlauben die Haltung einer anspruchsvolleren aber ertragreicheren Federviehrasse – die Mittel für die Anschaffung der ersten Tiere kamen auch hier von der Wilhelm Oberle Stiftung. Aurelio hat für seine Hühner auch gleich noch eine Regenwurmzucht angelegt, die uns zu demonstrieren er einer der Hennen überließ, die zufrieden gackernd einen Wurm nach dem anderen aus der weichen Erde zupfte. Die Erde – dies übrigens der nützliche Nebeneffekt der Regenwurmzucht – wird von diesem lebenden Hühnerfutter aufbereitet und kann später als erstklassiger Humus im Gemüsegarten eingesetzt werden.

Eine solche Entwicklung verläuft natürlich nicht völlig gradlinig; es gibt Widerstände und Rückschläge. Der Versuch, eine großangelegte kooperative Schweinezucht einzurichten, scheiterte am Veto der Dorfältesten, und bei den daraufhin von Mitteln der Wilhelm Oberle-Stiftung angeschafften Zuchtschafen gab es Zuständigkeitskonflikte und andere Organisationsprobleme; es wurden folgenschwere Fehler bei der Haltung der empfindlichen Rassetiere gemacht, und die Population ging ein. So wurde die Investition zu einem Fehlschlag, und gibt es bis heute in Tambo Machay keine nennenswerte Viehzucht.

Der Reformwille der Dorfbewohner erreichte schließlich auch die Frage der Forstwirtschaft. Die Nachteile des Eukalyptus kannten sie nicht nur vom Hörensagen, sondern aus eigener Erfahrung. Das Dorf ist nach Beratung mit Spezialisten dazu übergegangen, die Umgebung systematisch mit heimischen, den Böden und dem Klima am besten angepaßten Hölzern zu beforsten. Diesem von den Bewohnern selbst initiierten Projekt wird Modellcharakter zugesprochen, und des öfteren kommen Leute von außen angereist, um sich erklären zu lassen, wie das hier funktioniert.

Mir fiel bei unserem Besuch die Selbstverständlichkeit und gelassene Sicherheit auf, mit der diese doch weitgehend ungebildeten Bauern über die verschiedenen Aspekte ihrer Dorfentwicklung referierten, und ich fragte Mario, wie das zu erklären sei. Er bestätigte mir, daß das typische Verhalten des Andenbewohners gegenüber Fremden, Stadtmenschen oder gar gringos eher selbstverleugnend-servil sei – ein Stereotyp, das sich durch das bis heute gültige Schema, daß jemand kommt und sagt, was zu tun ist, herausgebildet und gefestigt hat. Mario erzählte mir, daß er, nachdem das Projekt angelaufen war, einige Male mit Studenten aus der Universität angereist sei. Nicht, damit die Studenten in Tambo Machay etwa ein sozialpädagogisches Praktikum machen sollten, sondern als Lehrveranstaltung mit den Bauern in Tambo Machay als Dozenten. Diese Unternehmungen sollen nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten sehr erfolgreich gewesen sein – für die Studenten in vieler Hinsicht lehrreich, und für das Selbstbewußtsein der Bauern förderlich und zur Weiterarbeit motivierend.

Unser Tag in Tambo Machay war etwas vom Beeindruckendsten, was ich während der ganzen Reise erlebt habe. So muß Entwicklungshilfe sein! Anläßlich des unausweichlichen Meerschweinchenessens mit der ganzen Gemeinde auf dem Dorfplatz sagten die Bewohnervertreter Dank für die Unterstützung durch El Buen Samaritano (wobei der Dank, soweit er sich auf Geldmittel bezieht, weitgehend an die Wilhelm Oberle Stiftung weiterzuleiten ist) und erklärten, daß für die Zukunft eigentlich keine weitere Unterstützung erforderlich sei; nur ein Videogerät zur Durchführung von Informationsveranstaltungen wäre vonnöten, falls dafür Mittel zur Verfügung stünden.

Mario und Ruth wollen sich im Laufe dieses Jahres allmählich ganz aus Tambo Machay zurückziehen und dann vielleicht an einem anderen Ort ein neues Projekt angehen. 


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